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Dienstag, 18. März 2025

Michael Thumann: Eisiges Schweigen flussabwärts

Eine Reise von Moskau nach Berlin. C.H.Beck Verlag, München 2025. ISBN 978-3-406-83003-7, 284 Seiten, 26,00 Euro. 

Verlagsinfo: 
Michael Thumann legt nach seinem SPIEGEL-Bestseller «Revanche» einen sehr persönlichen Reisebericht vor, in dem er die erneute Teilung Europas mit eigenen Augen erkundet. Er beschreibt in eindringlichen Reportagen und Augenzeugenberichten seinen Weg aus Moskau heraus über die schwer bewachten Außengrenzen Russlands, erst nach Osten Richtung Zentralasien, dann nach Westen über die baltischen Staaten und Polen nach Deutschland: von Moskau nach Berlin, mitten durch den neuen Eisernen Vorhang hindurch.
Thumann nimmt uns mit zu endlosen Befragungen an Grenzübergängen, er besucht russische Flüchtlinge in den Nachbarstaaten, kommt auf seinem Weg von Ost nach West mit Menschen aus ganz Osteuropa zusammen und schildert ihre Ängste vor Russlands Revanchismus und Kriegslust. Oder ihre vorauseilende Unterwerfung angesichts von Putins unaufhörlichem Expansionsdrang. Thumann blickt dabei auch auf die eigene Familiengeschichte und seine zerplatzten Träume nach dem Ende der Sowjetunion zurück und spürt den Gründen für das prekäre deutsch-russische Verhältnis in der Geschichte und Gegenwart nach. Thumanns Buch ist ein mitreißendes zeitgeschichtliches Zeugnis von der Suche nach einer Sicherheit, die wir alle verloren haben.  

Montag, 24. August 2020

Jurga Vilė: Sibiro Haiku

Eine Graphik-Novel aus Litauen. Jurga Vilė, Text, und Lina Itagaki, Illustration. Aus dem Litauischen und mit einem Nachwort von Saskia Drude. Baobab Books, Basel 2020. 242 Seiten, ISBN 978-3-907277-03-4. CHF 29.00 / € (D) 25,00 / € (A) 25,70. Ab 14 Jahre.

Verlagsinfo:
Ein Blick zurück: Litauen im Juni 1941. Das Land wurde vor Kurzem von sowjetischen Truppen besetzt. Eines Morgens wird Algis und seine Familie unsanft von sowjetischen Soldaten geweckt. Sie haben nur wenige Minuten Zeit, um zu packen. Algis nimmt seinen Ganter Martin unter den Arm und sein Vater drückt ihm einen Eimer Äpfel in die Hand. Dann werden sie mit vielen anderen Litauern in Eisenbahnwaggons gepfercht, ahnungslos, wohin die Reise gehen wird.
Die Endstation ist ein Lager in Sibirien. Die Bedingungen hier sind unmenschlich, der Hunger groß, die Winter bitter. Mit Galgenhumor und bemerkenswertem Ideenreichtum begegnet die Lagergemeinschaft ihrem Elend. Algis' Tante schwärmt für Japan und hat es geschafft, ein Buch mit japanischen Haiku ins Lager zu schmuggeln. Es ist nicht zuletzt diese karge Poesie, die die gefangenen Litauer nicht verzweifeln lässt. Und um ihr Heimweh zu lindern, gründen sie auch einen Chor: den Apfelchor. Apfelbäume wachsen in Sibirien zwar nicht, aber das Singen gibt der Hoffnung Auftrieb, dass dieser Albtraum bald vorüber sein wird. Schließlich gib es eine Vereinbarung, dass zumindest Kinder nach Litauen zurückdürfen. Und so entkommen Algis und seine Schwester dem Schrecken.
Jurga Vilė schildert diese ungeheuerliche Geschichte aus der kindlichen Perspektive von Algis – ihrem eigenen Vater. Die Illustratorin Lina Itagaki hat dazu eine einzigartige Bildwelt geschaffen, in welcher sich Text und Bild zu einem vielschichtigen und wahrlich aussergewöhnlichen Gesamtkunstwerk­ verweben. Ergreifend und ermutigend zugleich. In Litauen wurde das Werk mit zahlreichen Preisen geehrte, nun liegt es bei Baobab Books in deutscher Übersetzung vor.

Montag, 11. Juni 2018

Karsten Brüggemann: Licht und Luft des Imperiums

Legitimations- und Repräsentationsstrategien russischer Herrschaft in den Ostseeprovinzen im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Veröffentlichungen des Nordost-Instituts, Band 21. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2018, 536 Seiten, ISBN 978-3-447-10820-1. 53,00 Euro [D] / 54,50 Euro [A].

Verlagsinfo:
Das Verhältnis Russlands zu den baltischen Staaten ist seit Jahrhunderten ein Kernproblem der nordosteuropäischen Geschichte. Diese Studie untersucht erstmals detailliert den Wandel der russischen Perzeption von Land und Leuten an der Ostseeküste im 19. Jahrhundert. Galt die Region unter Nikolaus I. noch als der wertvollste Besitz der Krone, da sie das russische Imperium - nicht zuletzt aufgrund der deutschen Dominanz - zu einem wahrhaft europäischen Staat machte, war unter dem Einfluss des russischen Nationalismus eine bemerkenswerte Verschiebung zu registrieren. Seit etwa der Mitte des Jahrhunderts und verstärkt nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 erklärten russische Intellektuelle die Region zu einem potenziellen Gefahrenherd für das Imperium. Verständlich wird diese Umwertung durch den mentalen Aneignungsprozess, in dem russische Eliten die Ostseeprovinzen als einen legitimen russischen Besitz definierten - mit geografischen, historischen und kulturellen Argumenten. Diese mentale Russischmachung, die weitaus wirkungsmächtiger war als jedwede spätere „Russifizierungspolitik“ der Regierung, ließ die deutsche Vormacht als illegitim erscheinen und machte aus Esten und Letten potenzielle Bündnisgenossen für die Festigung der russischen Sache an der Ostsee. Neben intellektuellen Auseinandersetzungen mit dem Ort der Ostseeprovinzen im Imperium nutzt diese Studie Reiseberichte, literarische und ethnografische Arbeiten sowie Erinnerungen als Quellen, um dem Bild, das sich das späte Zarenreich von Est-, Liv- und Kurland machte, auf die Spur zu kommen.

Donnerstag, 24. August 2017

Christian J. Grothaus: Der "hybride Krieg"

vor dem   Hintergrund der kollektiven Gedächtnisse Estlands, Lettlands und Litauens. Reihe: Standpunkte und Orientierungen. Carola-Hartmann Miles-Verlag, Berlin 2017. ISBN 978-3-945861-56-1, 72 Seiten, Paperback, 9,80 Euro.

Verlagsinfo:
72 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges ist das Baltikum wieder im militärischen Fokus Deutschlands. Wer sind die uralten Ethnien, die sich in den Staaten Estland, Lettland und Litauen sammeln? Was prägt ihre kulturellen Gedächtnisse? Wie ist das Verhältnis bestellt zu uns, die wir über 800 Jahre lang die Region mitgestalteten? Und wie das zu Russland, dem großen Nachbarn aus dem Osten?
Der vorliegende Essay unternimmt den Versuch, in der Geschichte der baltischen Völker Kontinuitäten zu entdecken und diese auf ein "hybrides Kriegsszenario" der Gegenwart zu projizieren.
Dr. Christian J. Grothaus ist diplomierter Architekt und in Kulturwissenschaften promoviert. Er arbeitet als Autor und Dozent im Schnittfeld von Geschichte, Philosophie sowie Kunst und ist aktiver Reserveoffizier bei der Bundeswehr.

REZENSION "Baltische Stunde" ----  andere Rezensionen

Freitag, 23. Dezember 2016

Laurynas Katkus: Moskauer Pelmeni

Essay. Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig. 114 Seiten, Leipziger Literaturverlag 2016,
978-3-86660-214-4, 12,95 Euro.

Verlagsinfo:
Dieser autobiographische Essay erkundet die geschichtlich motivierte Hassliebe zwischen Litauern (stellvertretend für Ostmitteleuropäer) und Russen. Aufgewachsen in einer zweisprachigen Umgebung im sowjetischen Vilnius, schildert der Autor Einflüsse der russischen Denkweise, Reisen durch Russland, die Auseinandersetzung mit der russischen Literatur und Kunst sowie die Jahre der Perestroika, die Unabhängigkeitsbewegung und schließlich persönliche Bekanntschaften mit russischen Schriftstellern und Intelektuellen. In Litauen wurde der Essay noch vor der Ukraine-Krise veröffentlicht und löste ein weites Echo in der Literaturkritik aus. Die gegenwärtigen Schwierigkeiten des Westens, Russlands Mentalität zu verstehen, verleihen ihm erneut Aktualität.

Laurynas Katkus: geb. 1972 in Vilnius (Litauen), studierte Lituanistik in Vilnius sowie Vergleichende Literaturwissenschaft in Leipzig und Berlin, arbeitete beim Radio, in Verlagen und als Übersetzer, promovierte über Exil in der modernen Lyrik, mehrere Gedichtbände, ein Roman und eine Essaysammlung, Übersetzungen u. a. von Gottfried Benn, e. e. cummings, Peter Handke, Menke Katz, Susan Sontag ins Litauische, seine Texte wurden ins Englische, Deutsche, Slowenische, Polnische und Lettische übertragen, Mitglied im P.E.N., wurde mit verschiedenen Stipendien und Residenzen ausgezeichnet. Laurynas Katkus lebt als freischaffender Autor und Übersetzer mit seiner Familie in Vilnius.

Rezension "Baltische Stunde" --- weitere Buchvorstellungen

Freitag, 20. Juni 2014

Eberhard Demm / Christina Nikolajew (Hrsg.): Auf Wache für die Nation

Erinnerungen. Der Weltkriegsagent Juozas Gabrys berichtet (1911-1918). Unter Mitwirkung von Nathalie Chamba. Verlag Peter Lang, 2013. 399 Seiten, ISBN 978-3-631-64451-5 br.  (Softcover), ISBN 978-3-653-03148-5 (eBook). 57,95 Euro.

Verlagsinfo:
In seinen Erinnerungen enthüllt ein ethnischer Unternehmer, wie er sich ab 1911 mit seiner «Nationalitätenunion» für die Befreiung der unterdrückten Nationalitäten Europas einsetzte, im Ersten Weltkrieg als Agent des Auswärtigen Amtes für die Befreiung Litauens von der russischen Herrschaft agitierte und wie er schließlich zwischen den deutschen Annexionswünschen und den großpolnischen Plänen der Alliierten jonglieren musste: massive Propagandakampagnen, schwierige protodiplomatische Verhandlungen, Spionage, Intrigen, trickreiche Geldbeschaffung und Pressebestechung gehörten zu seinem Repertoire. Besonders informativ sind die auf Grund seines Tagebuchs wortgetreu überlieferten Gespräche mit deutschen, alliierten und litauischen Politikern, Diplomaten, Offizieren, Emissären und Agenten, wie sie in den Ministerialakten zumeist nur resümiert werden. Eine unverzichtbare Quellenlektüre für jeden, der die Sprengkraft des «Selbstbestimmungsrechts der Völker» und die Stoßwirkung der Nationalitätenbewegungen im Weltkrieg, aber auch Strategie und Taktik der deutschen imperialistischen Ostpolitik verstehen will. Der direkt aus den Originalkopien im Litauischen Kulturinstitut Lampertheim übersetzte Text enthält eine ausführliche sachliche und biographische Kommentierung.

Eberhard Demm, o. Professor i.R. der Universität Lyon III; Publikationen über Alfred Weber, Erster Weltkrieg, Wilhelminische Zeit.
Christina Nikolajew, Dr. phil., Privatgelehrte; Übersetzerin und Mitherausgeberin der Annaberger Annalen; Publikationen über Religion und Kirche in Litauen.

Donnerstag, 15. Mai 2014

Dalia Grinkevičiūtė: Aber der Himmel - grandios

Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2014. 206 Seiten, aus dem Litauischen von Vytene Muschick. ISBN 978-3-88221-387-4. 19,90 € / 27,90 CHF.

Verlagsinfo:
Nach der Annektion Litauens 1941 wird Dalia Grinkevičiūtė zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Bruder von den Sowjets nach Sibirien deportiert. Ihre Jugendjahre verbringt sie in der Verbannung im Altai Gebiet und in der Arktis. 21-jährig gelingt Grinkevičiūtė die Flucht. Zurück in Litauen schreibt sie ihre Erinnerungen an die Verbannung in großer Eile auf lose Blätter und vergräbt sie aus Angst vor der Entdeckung durch den KGB in einem Einweckglas im Garten. Kurz darauf wird sie vom KGB verhaftet und erneut deportiert. Nach ihrer Entlassung bleiben die Erinnerungen verschollen, erst nach Dalia Grinkevičiūtės Tod werden die Aufzeichnungen wie durch ein Wunder 1991 gefunden. Die lose Blattsammlung ist zu einem der wichtigsten Dokumente der litauischen Geschichte geworden und zeigt mit ungeheurer Sprachgewalt das Schicksal eines 14-jährigen Mädchens in der Verbannung auf.

Dalia Grinkevičiūtė, wurde 1927 in Kaunas, der provisorischen Hauptstadt Litauens, als Tochter eines hohen Beamten der Nationalbank geboren. 1941 wurde sie mit Mutter und Bruder aus Litauen an die Lenamündung verbannt. 1949 flieht sie mit der Mutter aus der Verbannung und verbringt 1949–1950 illegal in Kaunas, bevor sie erneut nach Sibirien deportiert werden. 1954 erfolgt die Entlassung. Nach einem Medizinstudium war sie ab 1960 als Ärztin tätig. 1977 wird ihr Antrag auf Emigration nach Frankreich abgelehnt. 1987 stirbt Dalia Grinkevičiūtė in Kaunas.

Montag, 8. Oktober 2012

Karsten Brüggemann / Bradley D. Woodworth: Russland an der Ostsee.

Quellen und Studien zur baltischen Geschichte, Band 22. Imperiale Strategien der Macht und kulturelle Wahrnehmungsmuster (16. bis 20. Jahrhundert). Böhlau Verlag, Köln 2012, 423 Seiten, ISBN 978-3-412-20671-0, Preis: € 49.90 [D]  |   € 51.30 [A]. 

Verlagsinfo:
Die jahrhundertelange Beziehung zwischen Russland und dem Baltikum bietet mehr als die immer noch verbreitete Konzentration auf die Konfliktgeschichte erwarten lässt. In diesem Band analysieren Autorinnen und Autoren aus sechs Ländern die spezifisch russisch-baltischen Erfahrungen vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. Aus ihren Beiträgen ergibt sich ein differenziertes Bild dieser Verflechtungsgeschichte, das neue Impulse für die Erforschung dieser historischen Nachbarschaft in all ihren Facetten liefert.

Karsten Brüggemann ist Professor für Estnische und Allgemeine Geschichte an der Universität Tallinn.
Bradley D. Woodworth ist Associate Professor für Geschichte an der Universität New Haven und Associate Research Scholar für Europäische Studien an der Yale Universität.

Aus dem Inhalt:
Teil I/Part I Wahrnehmung von Land und Leuten und imperi-ale Herrrschaftslegitimation
Anti Selart - Livland – ein russisches Erbland?
Aleksandr I. Filjuškin - Der Livländische Krieg ist der „Heilige Krieg„: Die europäische und die russische Perspektive
Ralph Tuchtenhagen - Russische Herrschaftslegitimation und Bilder von den Beherrschten in den russländischen Ostseeprovinzen (Generalgouvernements St. Petersburg, Estland, Livland) im 18. Jahrhundert
Karsten Brüggemann - The Baltic Provinces and Russian Perceptions in Late Imperial Russia
Tobias Privitelli - Reopening the Window to the West: The Soviet Perception of the Baltic States in the Interwar Period
Teil II/Part II Der imperiale Faktor in den Ostseeprovinzen, Finnland und Litauen
Nikolai N. Petrukhintsev - The Baltic Strategy of Peter the Great
Svetlana N. Kovalchuk - Der baltische Generalgouverneur Fürst Aleksandr A. Suvorov und die Verfolgung der Altgläubigen in Riga
Theodore R. Weeks - Lithuanians and Russification in the Late Imperial Period
Robert Schweitzer - Quasikonstitutionelle Herrschaft ohne „Regierungspartei“: Das Dilemma der angemessenen Vertretung gesamtstaatli-cher Interessen Russlands in den autonomen „Grenzmarken“ des Russischen Reichs
Natalia S. Andreeva - Die „baltische Frage„ und die Reformpolitik der Regierung in den Ostseeprovinzen zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Teil III/Part III Literarische Bilder und Propaganda
Katja Wiebe  - Die Perspektive der russischen Literatur des späten Zaren-reichs auf den „Norden„ (Estland und Finnland)
Jelena Nõmm & Timur Guzairov  - Soviet Propaganda and the Formation of the Image of Estonia in Soviet Printed Media, 1920–1940
Timur Guzairov - The Image of Estonians in Early Soviet Printed Media
Teil IV/Part IV Der lokale Faktor im imperialen Kontext