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Montag, 22. Juni 2026

Gabriel Bornstein: Das Elfte Gebot

Roman. KrönerEditionKlöpfer, Stuttgart 2026. ISBN 978-3-520-77301-2, 232 Seiten, 22.00 Euro. 

Verlagsinfo: 
Ironisch, tiefgründig, voller Sprachfreude und Witz, zuweilen mit einer Spur Magie, erzählt Gabriel Bornstein die Geschichte des jungen David Dubnow, Waise, Sohn einer Holocaust-Überlebenden, den es auf der Suche nach dem Vermächtnis seines einzigen Angehörigen in die Sowjetunion des Kalten Krieges, nach Riga, verschlägt. Dort begegnet er den Absurditäten des autoritären Systems, der Frage, wem er trauen kann und wer was warum verbirgt – und der schönen, geheimnisvollen Judica. Zusammen mit ihr und einer Handvoll jüdischer Überlebender macht er sich auf eine Suche in den Katakomben der Stadt, die bald zur Obsession wird.
    Eine ganz andere Erzählung über das israelische Trauma, das Leben in autoritären Systemen, die, gerade weil sie mit einem ordentlichen Augenzwinkern erzählt wird, ganz tief blicken lässt.

 

Freitag, 21. Februar 2025

Ricarda Messner: Wo der Name wohnt

Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2025. ISBN 978-3-518-43232-7, 170 Seiten, 23.00 Euro.

Verlagsinfo: 
Hausnummer 36 und 37, hier in Berlin haben sie jahrelang in direkter Nachbarschaft gelebt. Als Kind spielte die Enkeltochter Tischtennis auf dem Glastisch im Wohnzimmer der Großeltern. Als Erwachsene löst sie deren Wohnung schließlich auf, bringt Besteck, Töpfe und Musikkassetten nach nebenan zu sich. Und sie will noch etwas bewahren: Levitanus, den Familiennamen. Der Wunsch, den Namen wieder anzunehmen, begleitet sie nicht nur im Alltag, sondern führt sie auch nach Riga. Sie folgt den Worten ihres Urgroßvaters Salomon und findet ein Fenster im ehemaligen Rigaer Ghetto, das eng mit ihrer Familiengeschichte verknüpft ist – und sie zeichnet die Bewegungen von vier Generationen nach, vom sowjetischen Lettland der siebziger Jahre bis nach Deutschland.
Ricarda Messner erzählt in ihrem Debütroman vom Ort ihrer Erinnerungen, kehrt immer wieder zurück zum Leben in zwei Wohnungen, nähert sich Verlusten und Lücken, verbindet Heute und Gestern. Wo der Name wohnt lässt so zärtlich wie klar eine Familie aufleben und bewahrt ihre Geschichten.

Literaturpreis Fulda

Donnerstag, 21. November 2024

Inga Gaile: Der Geschmack von schwarzer Erde

Aus dem Lettischen von Bettina Bergmann. Ultraviolett Verlag, Dresden 2024. ISBN 978-3-96887-025-0, 236 Seiten, 26.00 Euro. 

Verlagsinfo:

Poetisch und tiefgehend. Zeitgenössische Literatur aus Lettland in deutscher Erstübersetzung.
Ihre Schicksale sind ein Abbild des 20. Jahrhunderts: Violette Dauphine wird als »Politische« im Konzentrationslager Ravensbrück interniert und für eine schreckliche Arbeit ausgewählt. Der Lagerarzt Karls, ein Psychologe aus Lettland, der sich gegen das Unmenschliche kaum wehren kann – und nicht in seine Heimat zurückkommt, ist daran nicht unschuldig. Die Lettinnen Lidija und Ilze werden nach Sibirien verschleppt, während andere diesem Schicksal entkommen. Im sowjetischen Lettland treffen sie wieder aufeinander. All ihre Leben sind miteinander verbunden: durch Beziehungen, Kinder oder durch die Umstände, unter denen sie leben.
Inga Gaile verwebt die Lebensgeschichten dieser Menschen miteinander über Ländergrenzen und Generationen hinweg. »Der Geschmack von schwarzer Erde« zeigt die Traumata, die der Zweite Weltkrieg über Generationen hinterlassen hat, unabhängig von Nation und sozialer Stellung.
Inga Gaile über ihren Roman: »Ich habe versucht, einen Roman über Menschen zu schreiben, die in der Lage sind, ihre Menschlichkeit in Situationen und unter Umständen zu bewahren, in denen sie keinen Platz hat.«
Die lettische Bestsellerautorin lässt uns in ihrem zweiten Roman »Der Geschmack von schwarzer Erde« (Originaltitel »Skaistās«) tief in die dunkelste lettische und deutsche Geschichte eintauchen. Ein Meisterwerk der Literatur, brillant übersetzt von Bettina Bergmann.

Mittwoch, 31. Juli 2024

Abraham Sutzkever: Vierkantige Lettern

Gedichte 1935–1995. Übertragen aus dem Jiddischen von Kurt Kreiler. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg, 318 Seiten, ISBN 978-3-8260-8383-9, 30,00 Euro.

Verlagsinfo: Der jiddische Poet Abraham Sutzkever (1913–2010) gehört zu den bedeutendsten Lyrikern des 20. Jahrhunderts. Nicht sein Schicksal ist einmalig, sondern seine Fähigkeit, den Gang durch die Hölle lyrisch beschreiben zu können.
Sutzkever, in Litauen geboren, verlebte seine Kindheit in Sibirien, zog nach dem Tod des Vaters zurück nach Wilna, galt unter den jiddischen Schriftstellern als Einzelgänger. Er erlebte den mörderischen Überfall der Deutschen, Ghettoisierung und Holocaust. Ihm gelang die Flucht in die Wälder, sagte als jüdischer Zeuge in Nürnberg aus, emigrierte nach Israel, war Herausgeber der bedeutendsten Zeitschrift für jiddische Literatur: Di goldene kejt.
Manches im Jiddischen klingt süß, manches pathetisch. Sutzkevers ernst empfängliche Natur widersteht dem Pathos durch Zartheit und Phantasie. Seine Gedichte, ob sie von Liebe, Tod, Verfolgung oder vom existenziellen Drama handeln, sind geschrieben mit dem »blanken, flehenden Messer«. Der Poet berührt den offenen Nerv der deutschen Geschichte: Verfolgung und Widerstand, Grausamkeit und das Wunder der Rettung. Obwohl ihn die Erfahrung des menschengemachten Grauens für immer prägte, war Sutzkever nie nur der ›Dichter des Holocaust‹, sondern ein Poet der conditio humana, ein schreibender Hiob und Schöpfer einer unverwechselbar eigenen, phantasievollen Bildsprache.

Freitag, 7. Juni 2024

Marius Marcinkevičius: Als die gelben Blätter fielen

Text von Marius Marcinkevičius, illustriert von Inga Dagilė. Übersetzung: Saskia Drude. Dressler Verlag, Hamburg 2024. 56 Seiten, ISBN 978-3-7513-0118-3, 14,00 Euro.

Verlagsinfo: 
Eine feinfühlige Geschichte über Hoffnung und Freundschaft in Zeiten des Nationalsozialismus.
Alon isst gern Bagels, die es aber leider viel zu selten gibt. Er spielt Geige und sitzt mit seiner Freundin Riwka auf dem Dach ihres Hauses, lässt seinen Drachen steigen und schaut über die Stadt. Aber das Leben ist schwierig, denn es ist das Jahr 1943, und Alon und Riwka wohnen im Getto und tragen einen gelben Stern. Niemand darf das Getto verlassen. Und wer doch durch das Tor hinausgeht, kehrt nicht zurück.
Zart und ergreifend erzählt Marius Marcinkeviçius von zwei Kindern, die die Schrecken des Holocausts erleben. Sie werden getrennt, aber finden sich Jahrzehnte später wieder, dank eines Kieselsteins, der zum Symbol für ihre Stärke und das Überleben wird.
„Als die gelben Blätter fielen“ ist in Litauen bereits mehrfach ausgezeichnet. Kein Wunder: Autor Marius Marcinkeviçius und Illustratorin Inga Dagile schaffen es, auf einfühlsame Weise eine tief bewegende Geschichte über Hoffnung und Freundschaft zu Zeiten des Holocausts zu erzählen. Das besondere Bilderbuch ist für Kinder ein guter Einstieg zu dem Thema Nationalsozialismus. Es richtet sich an junge Leser*innen zwischen 8 und 11 Jahren, ist aber eine wichtige Lektüre für alle Menschen – unabhängig vom Alter.

Mittwoch, 5. Juni 2024

Edward Anders: Unter Letten während des Holocaust

Meine Biographie. Herausgegeben von Uwe Neumärker. Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, 2024. ISBN 978-3-942240-42-0. 282 Seiten, 7.00 Euro. 

Verlagsinfo:
Edward Anders (*1926) wird als Eduards Alperovičs in der Hafenstadt Libau (auf Lettisch: Liepāja) geboren. Seine Eltern sind jüdisch und bürgerlich, Anders‘ Muttersprache ist Deutsch. Mit dem Einmarsch der Roten Armee in das unabhängige Lettland im Sommer 1940 beginnt der Terror. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 wird der Vater wie 24 Familienangehörige Opfer des Holocaust. 1944 gelingt Eduards und der Mutter die Flucht in das Deutsche Reich. Nach 1945 studiert er Chemie in München. 1949 wandert er in die USA aus und wird einer der weltweit bedeutendsten Meteoritenexperten. Seit seiner Emeritierung forscht Anders zum Holocaust in Lettland.

Dienstag, 4. Juni 2024

Bianca Schaalburg: Der Duft der Kiefern

Meine Familie und ihre Geheimnisse. Text & Zeichnung: Bianca Schaalburg. Avant Verlag, Berlin. 208 Seiten, ISBN: 978-3-96445-058-6, 26,00 €. 

Verlagsinfo:
In Der Duft der Kiefern taucht die Berliner Autorin in ihre Kindheit ein und stößt dabei auf Verdrängung und Lügen. Was hat ihr Großvater Heinrich, angeblich als Buchhalter bei der Wehrmacht in Riga stationiert, von den Gräueltaten der Nazis gewusst? War er vielleicht selbst beteiligt? Bald stellt sich die Frage nach der Mitschuld ihrer Familie. Sie erfährt, dass diese in einem Haus lebte, das ehemals von jüdischen Mitbürgern bewohnt war. Hat die Familie von der Vertreibung profitiert oder war sie gar dafür verantwortlich? Bianca Schaalburg recherchiert die Ereignisse und stellt die Frage nach Schuld und Verantwortung einer ganz normalen deutschen Familie.
Wir folgen ihrer detektivischen Spurensuche durch die Nazizeit, die Nachkriegsjahre bis zu den Stasi-Akten des Kalten Krieges und ins Jahr 1968, wo sich alles ändern sollte ...

Mittwoch, 29. Mai 2024

Alexander Juraschke: Otto "Schloime" Fischer

Ein jüdischer Fußballstar aus Wien. Verlag Hentrich&Hentrich, Leipzig 2024. 120 Seiten, ISBN 978-3-95565-650-8, 15,00 €. 

Verlagsinfo:
„Der Kuckuck soll dich holen, mit Donner und Pistolen, wenn Du vergißt, wer dein Onkel Otto ist. Zur Erinnerung von deinem Onkel Otto Fischer.“
Diese Zeilen schrieb der berühmte österreichische Fußballstar und Nationalspieler Otto Fischer im Jahr 1932 in das Poesiealbum seiner Nichte Alice Tichy. Vielleicht ahnte er bereits, dass die Erinnerung an ihn verblassen würde. In der Zwischenkriegszeit gehörte Fischer zur ersten Generation Wiener Profifußballer und trug sieben Mal das österreichische Nationaltrikot. Als begnadeter Dribbler wurde er auf den Wiener Fußballplätzen gefeiert, als Jude aber auch Ziel antisemitischer Angriffe. Fischer repräsentierte die Wiener (Fußball-)Schule und arbeitete nach seiner aktiven Karriere als Trainer in Osteuropa. Im lettischen Liepāja fand er sein sportliches und privates Glück, heiratete und führte den dortigen Verein Olimpija Liepāja zu drei Meistertiteln. 1941 wurde der populäre Coach von den Nationalsozialisten ermordet. Nach seinem Tod geriet Otto Fischer völlig in Vergessenheit. Diese Monografie schildert erstmalig sein Leben und Wirken als ein Stück Wiener Kulturgeschichte im Spannungsfeld zwischen jüdischer Partizipation und Antisemitismus am Vorabend des Holocaust.

Freitag, 24. März 2023

Boris Lurie in Riga

Aufzeichnungen. Mit einem Vorwort und aus dem Englischen übersetzt von Joachim Kalka. Wallstein Verlag, Göttingen 2023, 224 Seiten. ISBN 978-3-8353-5355-8. € 23,00 (D) / € 23,70 (A)

Verlagsinfo:
Bewegende Erinnerungen Luries an seine Zeit während des Nationalsozialismus in Riga – wie lässt es sich mit dem Erlebten weiterleben?
Im Spätsommer des Jahres 1975 bestieg Boris Lurie in New York ein sowjetisches Schiff, um nach Riga zu fahren und damit nach über 30 Jahren wieder in die Stadt zu kommen, in der er aufgewachsen war und wo er die Schrecken der deutschen Besatzungszeit hautnah miterleben musste. Insbesondere ein Geschehnis änderte dabei den Lauf seines Leben, als im Dezember 1941 im Wald von Rumbula Tausende Juden hingerichtet wurden, darunter Familienmitglieder Luries sowie seine damalige Freundin. Luries Leben teilte sich in ein vor und ein nach Rumbula, und sein Besuch dieses Ortes während seiner Reise führte auch dazu, dass er mit dem Schreiben begann und darüber in den Dialog mit denjenigen, die nicht mehr da waren.
Nach Luries Tod entdeckte man in seinem Nachlass mehrere Boxen, gefüllt mit schriftlichen Aufzeichnungen und Zeitungsausschnitten. Aus Riga zurückgekommen, hatte Lurie damit begonnen, seine Erinnerungen an Riga während des Zweiten Weltkriegs niederzuschreiben, aber auch die Empfindungen während seiner Reise festzuhalten. Ein berührender Text, der die Frage aufwirft, wie man danach weiterleben kann.

Samstag, 23. Oktober 2021

Uta von Arnim: Das Institut in Riga

Die Geschichte eines NS-Arztes und seiner "Forschung". Eine Spurensuche. Verlag Nagel & Kimche, Zürich / München 2021. 240 Seiten, ISBN 978-3-312-01244-2, € (D) 22,00 | sFr 30,90 | € (A) 22,70. 

Verlagsinfo:
Uta von Arnim zeichnet in »Das Institut in Riga« das scharfkantige Bild eines NS-Arztes und seiner Familie. Ein Arzt, der der Großvater der Autorin war.
Herbert Bernsdorff leitet in den Jahren 1941-1944 das Gesundheitswesen der besetzten baltischen Staaten. Im Gutshaus seiner Ehefrau Edda am Stadtrand von Riga, dem Kleistenhof, gründet er das »Forschungsinstitut«. Dort dienen Juden als »Versuchskaninchen«.
Deutsche Wissenschaftler und Laborantinnen arbeiten in Kleistenhof daran, Impfstoff gegen Fleckfieber herzustellen. Eine Gruppe Juden wurde aus dem Rigaer Ghetto nach Kleistenhof geholt. Ihre Aufgabe im Institut war es, zweimal täglich mit ihrem Blut Tausende Läuse zu »füttern«, die ihnen in kleinen, unten offenen Schachteln für dreißig Minuten auf die Haut gebunden werden. Die Läuse sind zum Teil mit Fleckfieber-Erregern infiziert.
Herbert Bernsdorff saß im »Reichskommissariat Ostland«, dem deutschen Machtzentrum. Er unterstützte Gründung und Aufbau des Instituts. Zudem sorgte er dafür, dass im gesamten Baltikum Gesundheitspolitik im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie umgesetzt wurde.
Aus Gesprächen und Interviews mit Familienmitgliedern, Fotos, Archivrecherchen in Berlin und Riga, Zeitzeugenberichten und dem Studium historischer Fachliteratur werden die Geschehnisse rund um das Forschungsinstitut rekonstruiert. Zwischen die Schilderung der historischen Ereignisse setzt die Autorin subjektive Miniaturen.
Mit »Das Institut in Riga« zeigt Uta von Arnim einen Ausschnitt aus der Brutalität des nationalsozialistischen Regimes. Aus der Spurensuche einer Enkelin, die auch selbst Ärztin ist, entsteht eine ungemein eindringliche Darstellung.

Dienstag, 15. Dezember 2020

Frida Michelson: Ich überlebte Rumbula

Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2020. 222 Seiten, ISBN 978-3-86393-093-6, 22,00 Euro.

Verlagsinfo:
„Der vergessene Holocaust“ - die Verbrechen der Deutschen im Osten Europas, die schon in den ersten Tagen ihres Eroberungsfeldzugs mit Massakern begannen und bald in systematische Massenerschießungen übergingen - wurden erst nach und nach in Nachkriegsdeutschland bekannt und dokumentiert.
Der authentische Bericht von Frida Michelson über den Einmarsch der deutschen Truppen in Lettland, den Beginn der Ausgrenzung, Verfolgung, Zwangsarbeit, Ghettoisierung und anschließender Vernichtung im Wald von Rumbula, der sie durch einen Zufall entkam, ist ein einzigartiges Dokument.
Frida Michelson, geb. 1906, lebte und arbeitete zur Zeit der deutschen Besetzung als Schneiderin in Riga. Ihr unglaublicher Bericht über das Schicksal der jüdischen Bevölkerung, über Zwangsarbeit, Ghettoisierung und den anschließenden Massenmord im Wald von Rumbula, dem sie knapp entkam, ist ein einzigartiges authentisches Dokument. Ende 1971 konnte Frida Michelson mit ihren beiden Söhnen nach Israel auswandern. Sie starb dort im Jahr 1982.

Montag, 7. Dezember 2020

Was ist dir widerfahren, Isaak?

Eine Spurensuche von Sybille Eberhardt. Manuela Kinzel Verlag, Göppingen 2020. ISBN 978-3-95544-145-6, 190 Seiten, € 16,50.

Verlagsinfo: Ein ungewöhnlicher Grabstein auf dem Göppinger Friedhof veranlasst die Autorin, in ihrer jüngsten Untersuchung nach Spuren des zu früh verstorbenen jüdischen Jungen Isaak aus Wilna zu suchen. Sein Schatten geistert durch die Geschichte des Wilnaer Ghettos. Er heftet sich an die Fersen eines Verwandten und zahlreicher Leidensgenossen in verschiedenen KL im Ölschiefergebiet Estlands, im Lager Stutthof und einem der „Wüste“-Lager im deutschen Südwesten in Dautmergen. Schließlich auf einen Todesmarsch getrieben, wird er bald nach der Befreiung doch noch vom Tod in einem DP-Lager in Heidenheim ereilt, ohne seine tragische Geschichte selbst erzählen zu können.


Freitag, 2. Oktober 2020

Katrin Reichelt: Von der Unmöglichkeit, die richtige Entscheidung zu treffen

Hilfe für verfolgte Juden im deutsch besetzen Litauen 1941–1944. Lucas-Verlag, Berlin 2020, 476 Seiten, ISBN 978-3-86732-343-7, 25,– €.

Verlagsinfo:
Als die deutsche Wehrmacht Vilnius erreichte, lebte der vierzigjährige Juozas Rutkauskas allein und unauffällig in der Stadt. Sein Ruf war tadellos, die deutschen Besatzer vertrauten ihm und übertrugen ihm die Leitung eines Büros für Melde- und Passangelegenheiten. Viele hielten ihn für einen Gewinner der neuen politischen Zustände. Er tat nichts, um diesen Eindruck zu zerstreuen. Die Massaker an den Juden wurden in aller Offenheit vor den Augen der Stadtbewohner durchgeführt. Juozas Rutkauskas besaß Zugang zu wichtigen Unterlagen, mit denen er neue Identitäten erschaffen konnte. Bis zu seiner Enttarnung 1944 verhalf er schätzungsweise 150 Menschen zu neuen Identitäten, womit sie eine Chance erhielten, der Vernichtung zu entkommen.
Während ein Teil der Landesbevölkerung mit den deutschen Besatzern kollaborierte und ein anderer Teil unbeteiligt blieb, gab es eine Reihe nichtjüdischer Einwohner Litauens, die sich den Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung entgegenstellten und Leben retteten. In diesem Band der Gedenkstätte Stille Helden wird in zwölf Geschichten von Hilfsbereitschaft, Kompromissen und Opferbereitschaft bis zur Selbstaufgabe berichtet. Dazu gehören die des japanischen Konsuls Chiune Sugihara, der ohne Zustimmung seiner Regierung Visa für Verfolgte ausstellte, und auch die des deutschen Majors Karl Plagge und des österreichischen Feldwebels Anton Schmid, die jeweils in ihrem eigenen Rahmen agierten. Doch in den meisten Fällen waren es litauische Frauen und Männer, die Wege, Orte, Kanäle und Informationsmöglichkeiten schufen. Die Gefahr, entdeckt zu werden, war allgegenwärtig und bedeutete den Tod für alle Beteiligten.

Donnerstag, 1. Oktober 2020

Katrin Reichelt: Rettung kennt keine Konventionen

Hilfe für verfolgte Juden im deutsch besetzten Lettland 1941–1945. Lucas Verlag, Berlin. 264 Seiten, ISBN 978-3-86732-255-3, 25,– €

Verlagsinfo:
Am Morgen des 30. November 1941 sah der lettische Hafenarbeiter Jānis Lipke, wie tausende Rigaer Juden in langen Kolonnen zu ihrer Ermordung getrieben wurden. In Jānis’ Entsetzen mischte sich Wut über die rohe und willkürliche Gewalt. Sie mündete in dem Entschluss, etwas gegen diese Grausamkeiten zu tun, und er beschloss zu handeln. Bis zum Ende der deutschen Besatzung in Lettland 1945 rettete er insgesamt 54 Menschen vor der Erschießung.
Er war nicht der Einzige, der sich und seine Familie der drohenden Todesstrafe für die Hilfeleistung gegenüber Verfolgten aussetzte. Häufig aus spontanem Mitgefühl halfen Letten und Russen nicht nur jüdischen Bekannten und Freunden, sondern in vielen Fällen auch Fremden, sich der Ermordung zu entziehen.
Der Band thematisiert eindringlich die Bedingungen und Dimensionen der Rettung von Juden durch die einheimische Bevölkerung und stellt mehrere Fälle vor, die die besonderen Schwierigkeiten und Gefahren dieser Hilfeleistungen vergegenwärtigen. Beide Seiten, die Retter und die Geretteten, trugen in jeder Hinsicht das tödliche Risiko gemeinsam.

Donnerstag, 7. November 2019

Irena Veisaitė / Aurimas Švedas: Ein Jahrhundertleben in Litauen

Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig. Wallstein Verlag, 2019, 428 Seiten, ISBN 978-3-8353-3556-1, € 24,00 (D) | € 24,70 (A)

Verlagsinfo:
Die Autobiographie einer der herausragenden litauischen Intellektuellen im bewegten 20. Jahrhundert.
In 13 Gesprächen mit Aurimas Švedas erzählt Irena Veisaitė ihr bewegtes Leben. Ein Leben für die Kunst und die Kultur in Litauen, den Kulturaustausch mit Deutschland und das tragische politische Schicksal ihres Landes – die Besatzungen durch die deutsche Wehrmacht und die Sowjetunion. Sie erlebt Ausgrenzung, Gewalt, Vernichtung. Ihre Mutter wurde 1941 von einheimischen NS-Kollaborateuren ermordet, sie selbst überlebte das Ghetto von Kaunas durch die Hilfe von litauischen Mitbürger*innen. Nach Kriegsende muss sie den Anti­semitismus der ­Stalinära ertragen. Sie erzählt von ­ihrem Studium in Moskau und Leningrad, von den Anwerbeversuchen des sowjetischen Geheimdienstes, von ihren Ehen und der schmerzlichen Trennung von der Tochter, die nach England geht. Und Irena Veisaitė spricht über Freundschaften, u. a. mit Arvo Pärt. Sie schildert, wie es zur Einrichtung des Thomas-Mann-Kulturzentrums in Nidden kam und ihr Engagement für die Soros-Stiftung, die sich u. a. für die demokratische und pluralistische Gesellschaft in Osteuropa einsetzt. Ein Jahrhundertleben. Noch in hohem Alter ist sie eine entscheidende Persönlichkeit bei der Errichtung einer pluralistischen Gesellschaft in Nordosteuropa.

Irena Veisaitė, geb. 1928, studierte Germanistik und promovierte 1963 über Heinrich Heines späte Lyrik. Bis 1997 war sie Lektorin an der Pädagogischen Hochschule in Vilnius. Sie war Mitglied in verschiedensten Kommissionen für Kunst und Kultur in Litauen. 2012 erhielt sie die Goethe-Medaille des Goethe-Instituts für ihr Lebenswerk. Die Laudatio hielt Aleida Assmann. Irena Veisaitė spricht sieben Sprachen.

Freitag, 15. März 2019

Markas Petuchauskas: Der Preis der Eintracht

Erinnerungen, Künstlerportraits, kulturelle Wechselbeziehungen. Übersetzt aus dem Litauischen von Markus Roduner, nach dem Originalmanuskript "Santarves kaina". Reihe "Anpassung - Selbstbehauptung - Widerstand", Band 45. LIT-Verlag, Münster / Berlin 2019, 272 Seiten, ISBN 978-3-643-14130-9, 44.90 EUR / 44.90 CHF.

Verlagsinfo:
"Der Preis der Eintracht" erzählt vom Leben und dem Theater im Wilnaer Getto. Von der Rettung des Autors durch Mitbürger mit Gewissen. Vom Leben als Jude und Intellektueller unter der Sowjetherrschaft und später im wieder freien Litauen. Vom Engagement für das Wiederaufleben der jüdischen Kultur in Vilnius und ganz Litauen sowie dem Einsatz für den Dialog der Kulturen. Der Leser trifft auf weltberühmte und weniger bekannte Litwaken. Und schließlich berichtet Markas Petuchauskas von der exemplarischen Geschichte seiner Familie, deren Mitglieder über die ganze Welt verstreut leben. Ein Buch, das zur Versöhnung und Eintracht aufruft und ihren Preis aufzeigt.

Mittwoch, 12. Dezember 2018

Franziska Jahn: Das KZ Riga-Kaiserwald und seine Außenlager 1943–1944

Strukturen und Entwicklungen. 471 Seiten, Metropol Verlag Berlin 2018, ISBN:
978-3-86331-427-9, 29 Euro. 


Verlagsinfo:„So schrecklich wie es war, so viele Tage werden wir noch daran zurückdenken. Wer weiß, was uns jetzt wieder bevorsteht“, schrieb Lore Oppenheimer am Tag ihrer Überstellung aus dem Rigaer Ghetto in das wenige Kilometer entfernte KZ Riga-Kaiserwald. Die Auflösung der Ghettos und die Errichtung von Konzentrationslagern im deutsch besetzten Baltikum stellten seit Frühjahr 1943 eine erneute Radikalisierung der NS-Judenpolitik dar und waren ein weiterer Schritt zur Vernichtung der dort inhaftierten Jüdinnen und Juden. Die Studie rekonstruiert erstmals die Strukturen und Entwicklungen des KZ Riga-Kaiserwald und seiner Außenlager und gibt umfassende Einblicke in die Lebenswelt seiner Häftlinge.

Donnerstag, 16. November 2017

Horst Decker: Ich habe mich nur der Kunst gewidmet

Vom NS-Täter zum Ehrenbürger. Horst Decker kommentiert die Briefe eines KZ-Kommandanten. Lorbeer-Literaturverlag, Bielefeld 2017, 388 Seiten, ISBN 97839389695496, 19,95€.

Verlagsinfo:
Er hätte wohl sein düsteres Geheimnis mit ins Grab genommen, wenn ihn nicht seine Briefe aus den Kriegsjahren überdauert hätten. Als Offizier einer Luftwaffen-Baukompanie war ihm nach seiner Stationierung in Italien und Königsberg im Sommer 1944 die Lagerleitung eines litauischen KZ- Lagers in Ponewesch (Panevėžys) übertragen worden. Die Juden, die für den Flugplatzausbau benötigt wurden, hatte er persönlich herbeigeholt und später auch ins KZ Stutthof bei Danzig evakuiert. Von dort wurden sie zu großen Teilen zum Vernichtungslager Auschwitz oder in Arbeitstransporte ins KZ Dachau eingereiht und auf Nebenlager verteilt. Nach dem Krieg tilgt der Maler und Kunsthändler dieses schuldhafte Kapitel aus seiner Biographie und wird Ehrenbürger seiner Stadt. Obwohl seine militärische Karriere klar nachvollzogen werden kann, will er sich seit 1937 ausschließlich seiner Kunst gewidmet haben. Seine Briefe widerlegen das und beweisen seine Schuld an nationalsozialistischen Menschenrechtsverbrechen. Horst Decker ist die verdienstvolle Arbeit der Kommentierung und Einbettung dieser Briefe in ein historisches Geschehen zu verdanken. Dabei wird insbesondere auch die Liquidierung des Ghettos bzw. Konzentrationslagers Schaulen (Šiauliai) durch die Sipo Kauen (Kaunas) detailliert beleuchtet und Zeitzeugen das Wort erteilt. Das Buch wird durch statistische Auswertungen zur Lagersterblichkeit und eine Häftlingsliste ergänzt; das Unrecht und der Holocaust in Litauen somit dem Vergessen entrissen.

Horst Decker ist Kurator und Ausstatter von Museumsausstellungen mit den Schwerpunkten "Deutsche Nachkriegszeit", "Holocaust und Zwangsarbeit" sowie "Technik- und Sozialgeschichte".

Dienstag, 14. März 2017

Chris Kraus: Das kalte Blut

Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2017, 1200 Seiten, 978-3-257-06973-0. € (D) 32.00 / sFr 42.00* / € (A) 32.90.

Verlagsinfo:
Zwei Brüder aus Riga machen Karriere: erst in Nazideutschland, dann als Spione der jungen Bundesrepublik. Die Jüdin Ev ist mal des einen, mal des anderen Geliebte. In der leidenschaftlichen Ménage à trois tun sich moralische Abgründe auf, die zu abenteuerlichen politischen Ver­wicklungen führen. Die Geschichte der Solms ist auch die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert: des Untergangs einer alten Welt und die Erstehung eines unheimlichen Phönix aus der Asche.
Chris Kraus, geboren 1963 in Göttingen, ist Filmregisseur, Drehbuchautor und Romancier. Seine Filme (darunter ›Scherbentanz‹, ›Poll‹) wurden vielfach ausgezeichnet, ›Vier Minuten‹ mit Monica Bleibtreu und Hannah Herzsprung gewann 2007 den Deutschen Filmpreis als bester Spielfilm. Sein neuer Film, die Tragikomödie ›Die Blumen von gestern‹, mit Lars Eidinger in der Hauptrolle, kam im Januar 2017 ins Kino. ›Das kalte Blut‹ ist Chris Kraus’ zweiter Roman. Der Autor lebt in Berlin.

Samstag, 11. März 2017

Felix Ackermann: Mein litauischer Führerschein

Viva Lithuanica oder Kleines litauisches Einmaleins. Suhrkamp taschenbuch 4763, 300 Seiten, ISBN: 978-3-518-46763-3. D: 10,00 €, A: 10,30 €, CH: 14,90 sFr.

Verlagsinfo:
Was hält Europa heute zusammen? Wie gehen die Menschen in Litauen mit der Freiheit um, die sie vor einem Vierteljahrhundert gewonnen haben? Wie funktioniert die Europäische Union an ihren östlichen Außengrenzen, zwischen Kaliningrad und der Republik Belarus? Statt über diese Fragen am Berliner Schreibtisch nachzudenken, bricht Felix Ackermann 2011 auf, um Gastwissenschaftler in der litauischen Hauptstadt zu werden. Seine Familie erlebt in Wilna ein Europa der ganz praktischen Herausforderungen. Die Kinder lernen Litauisch und werden zu kleinen Patrioten erzogen. Seine Frau bringt eine Tochter zur Welt, die sogleich einen litauischen Personencode erhält. Und er selbst macht endlich doch noch seinen Führerschein in einer Kleinstadt namens Utena.
Der Historiker und Stadtanthropologe Felix Ackermann porträtiert kurzweilig und pointenreich eine mehrsprachige Gesellschaft, deren Aufbruch in eine bessere Zukunft immer wieder empfindlich gestört wird: von den eigenen sowjetischen Gewohnheiten, der Migration Hunderttausender Bürger in den Westen, der russischen Annexion der Krim und von der allgegenwärtigen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.