Bereits seit 2007 stellt dieser Blog ins Deutsche übersetzte Publikationen aus Estland, Lettland und Litauen vor. Gleichzeitig werden Publikationen deutschsprachiger Autorinnen und Autoren mit estnischen, lettischen oder litauischen Themen einbezogen. Wir möchten aufrufen, verschiedene Leseeindrücke auszutauschen. Die hier aufgeführten Bücher werden für eine Vorstellung in der Radiosendung BALTISCHE STUNDE (Radioweser.tv) vorgeschlagen.
Mittwoch, 25. September 2024
Riss durch Europa | Rift through Europe
Verlagsinfo:
Mit dem Hitler-Stalin-Pakt begann vor 85 Jahren der Zweite Weltkrieg in Europa. Die Erinnerungen an dieses Abkommen trennt bis heute die Erinnerungsgemeinschaften in Ost und West.
Für die Länder Ost- und Mitteleuropas hatte die Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Pakts am 23. August 1939 schwerwiegende Folgen. Eine Woche später überfiel Deutschland Polen und löste den Zweiten Weltkrieg aus. Nur weitere zwei Wochen später begann auch die Sowjetunion mit Angriffen auf die Länder Ost- und Mitteleuropas. Beide Seiten annektierten gewaltsam Territorien und beendeten die Unabhängigkeit ganzer Staaten. Ihre Besatzungspolitik war von massenhafter tödlicher Gewalt geprägt. Mit dem Angriff des Deutschen Reichs auf Sowjetunion am 22. Juni 1941 endete die Übereinkunft der Diktatoren abrupt. Die Folgen des Pakts aber blieben in Ost- und Mitteleuropa durch die erneute sowjetische Okkupation 1944 und den sich anschließenden Kalten Krieg bis zum Zerfall der Sowjetunion 1991 bestehen. Viele der heutigen europäischen Grenzen gehen auf diesen Pakt zurück. Deshalb leben die Erinnerungen an die Ereignisse von 1939 bis 1941 fort und prägen die Gesellschaft und Politik der Staaten Ost- und Mitteleuropas bis heute. Mit der Osterweiterung der Europäischen Union 2004 wurden diese Perspektiven zwar zunehmend lauter geäußert, dennoch wollen sie bis heute nicht alle hören. Der Band erscheint zur gleichnamigen Ausstellung, die anlässlich des 85. Jahrestags der Unterzeichnung des Paktes ab dem 23. August 2024 im Museum Berlin-Karlshorst gezeigt wird.
Der Band ist zweisprachig - Deutsch und Englisch.
Sonntag, 8. September 2024
Meelis Friedenthal: Die Bienen
Verlagsinfo:
Mit einer Reisetasche und einem neugierigen Papagei kommt der junge
Student Laurentius Hylas Ende des 17. Jahrhunderts im winterlichen
Estland an. Auf der Flucht vor einer düsteren Vergangenheit und dem
Verdacht der Ketzerei macht er sich auf den Weg nach Tartu, der „Stadt
der Musen“. In diesem wissenschaftlichen und philosophischen Umfeld, das
in der Zukunft zum Zeitalter der Aufklärung führen sollte, sucht
Laurentius wie besessen nach einem Heilmittel für die Krankheit, die ihn
quält und die seine Zeitgenossen Melancholie nennen, eine Depression.
Doch je mehr er sich mit Fragen beschäftigt, die er nicht beantworten
kann – Woher kommt die Seele? Welche Beziehung besteht zwischen ihr und
dem Körper? - desto mehr wird er von der Welt des Aberglaubens und der
Heilmittel der Bauern auf dem Land angezogen. Eine Welt, die er schon
als Kind kannte, als er an Hexenjagden teilnahm, und die ihn in Träumen
und Visionen heimsucht. Und eine Welt, die er fürchtet und die sich mit
der Realität zu vermischen beginnt.
Friedenthal taucht tief ins Mittelalter ein, um von der Entstehung eines neuen Zeitalters der Vernunft zu erzählen. Eine Zeit, in der sich die moderne Medizin ihren Weg durch Ängste und den alten Glauben an die Alchemie bahnt. Der dunkle Norden von der strahlenden Antike träumt und von der Harmonie einer Welt, die vielleicht durch eine Sehnsucht nach Licht, Gold und Honig heilen kann.
Donnerstag, 5. September 2024
Denise Snieguolė Wachter: Vilnius
Verlagsinfo:
Die Vielfalt der litauischen Küche kennenlernen
Vilnius, eine Stadt mit einer jahrhundertealten Geschichte, überzeugt kulinarisch mit ihrer Vielfalt an köstlichen Gerichten. Wir begleiten Denise Snieguole Wachter in die Heimatstadt ihrer Mutter. Dorthin, wo sie einst viele Sommer verbracht hat. Die Erinnerungen daran hat die Autorin in diesem Buch eingefangen. Mit Gerichten und Geschichten über Menschen, die die Küche in Vilnius zu der machen, die sie heute ist. Mit Märkten, die für die Vergangenheit stehen und für die Gegenwart.
In der jungen Gastroszene von Vilnius treffen sich Gastronominnen und Gastronomen, deren Nationalstolz und Streben nach höchster Qualität eins sind, die die Gerichte ihrer Heimat lieben und ihnen trotzdem einen modernen Anstrich geben wollen.
Das Kochbuch bietet typische Gerichte wie das frittierte Knoblauch-Brot »Kepta duona« mit litauischem Aioli oder die pinke Suppe »Saltibarsciai«, aber auch eigene Interpretationen wie Carpaccio von der Forelle oder den Vilnius-Burger. Auch raffinierte Desserts wie die beliebte Napoleontorte kommen nicht zu kurz. Dieses Buch ist eine inspirierende Reise zu den kulinarischen Highlights der Hauptstadt Litauens.
Denise Snieguole Wachter ist die Genuss- und Kulinarik-Expertin des STERN, die schon als Kind lieber Kochbücher als Romane las. Sie ist fasziniert davon, wie man mit Gerichten Geschichten erzählen kann.
Montag, 2. September 2024
Anšlavs Eglītis: Schwäbisches Capriccio
Verlagsinfo:
Anšlavs Eglītis (1906–1993) nutzte die eigene Lebensgeschichte –
seine Flucht 1944 vor der Roten Armee nach Deutschland – als Vorlage für
einen bitterkomischen Episodenroman. Der ausgebombte lettische
Flüchtling Pēteris Drusts strandet von Berlin aus in dem kleinen
Städtchen Pfifferlingen auf der Schwäbischen Alb, einer vermeintlichen
Durchgangsstation auf dem Weg in die Schweiz. Der Zweite Weltkrieg wütet
noch, doch die Pfifferlinger gehen fernab von den Gefechten an der
Front und den Bombardierungen der Metropolen ungerührt ihren
Alltagsgeschäften nach. In dieser hinterwäldlerischen Provinz eckt der
Rigaer Pēteris Drusts mit seinen großstädtischen Manieren an: Einerseits
ist er auf die Güte der einheimischen Bevölkerung angewiesen, etwa für
ein Dach über dem Kopf und ein warmes Essen – andererseits sind ihm die
Pfifferlinger intellektuell und kulturell meilenweit unterlegen. Doch er
darf ihre Bauernschläue nicht unterschätzen.
Die Episoden sind wie an einer Perlenschnur aufgereiht. Einige berichten von Drusts kuriosen Begegnungen und Verwicklungen mit den alt eingesessenen kauzigen Kleinstädtern, andere erzählen schildbürgerartige Begebenheiten der Stadtgeschichte. Berthold Forssman trifft in seiner scharf ausbalancierten Übersetzung genau die zugespitzte Komik von Anšlavs Eglītis, die aus dem Aufeinandertreffen der existenziellen Lebenssituation eines Geflüchteten mit der Behäbigkeit und Begriffsstutzigkeit der Einheimischen entsteht. Der doppelbödige Humor ist von Schmerz gezeichnet – nur mit befreiendem Gelächter ist die grausame Absurdität des Lebens zu ertragen.
Samstag, 31. August 2024
Antanas Gailius: Hier
Gedichte und Essays. Thelem Universitätsverlag, Dresden / München 2024. ISBN: 978–3–95908–586–1,
29,80 €
Verlagsinfo:
Antanas Gailius zählt zu den bedeutenden Schriftstellern und
Intellektuellen in Litauen – vor und nach 1990. In seinen Gedichten
werden eine Landschaft und eine Tradition zur Sprache gebracht,
die allzu lange in Deutschland nur verfälscht unter einer kolonialen
Perspektive wahrgenommen wurden. Gailius Essays knüpfen hier an – als
Ortsbestimmungen eines eigenständigen Litauen in der
Geschichte unseres Kontinents und als Fragen, die über die Sprach-
und Landesgrenzen Litauen und Deutschland in ein neues Verhältnis in
einem demokratischen Europa setzen.
Antanas Gailius (geb. 1951 in Švendriškiai, Litauen) schreibt
Gedichte und Essays und er ist als Übersetzer aus dem Deutschen sowie
dem Niederländischen tätig. Zu seinen wichtigsten Übersetzungen
gehören Werke von Franz Kafka, Thomas Mann, Rainer Maria Rilke und
Johan Huizinga.
Antanas Gailius lebt und arbeitet in Vilnius.
Donnerstag, 22. August 2024
Manfred Stahnke: Aliutė Mečys
Verlagsinfo:
Aliute Mecys ist eine große, bisher ziemlich unbekannte Hamburger Malerin, die nach und nach eine immer tiefere Beziehung zu Litauen gewann. Sie wurde am 4. April 1943 in Koblenz als Kind einer deutschen Mutter und eines litauischen Vaters geboren und starb 2013 in Hamburg.
Sie spielt mit den Möglichkeiten und den "Spielen" des Sehens, und genau das sehe ich bei ihr als primär an, und gar nicht die Komponente einer persönlichen "Schreckensdarstellung". Diese erscheint nur auf einer ersten Oberfläche unseres Sehens. Mecys hat sich immer wieder in diese Richtung geäußert:
"Was ich male, ist für mich nicht makaber. Für mich ist das ganz real. Für mich sind das keine Erfindungen. Ich denke viel in Bildern, und ich sehe bildhaft vor mir, was ich höre oder lese."
Ich nehme Mecys gewissermaßen als sehr menschliches, sehr schmerzliches Beispiel für den heutigen Zusammenbruch aller liebgewordenen Klarheiten über unser Weltverständnis, und gleichzeitig auch für die Notwendigkeit, uns neu zu positionieren. Das betrifft unsere Sinne (Maturana) und das betrifft unser Weltkonzept (Lyotard). Beide haben für mich auch miteinander zu tun, und sie erklären den Freiheitsdrang von Mecys: Jean-François Lyotard sieht - und fordert letztlich - die Befreiung von alten ideologischen Denkmustern Europas. Humberto Maturana sieht ganz ähnlich das Zusammenbrechen einer alten Vorstellung, nämlich dass die Welt draußen kalt vor uns steht und wir deren Idee nur entblättern müssten. Im Gegenteil sind wir für ihn als Beobachter selbst die Erbauer der Welt. Durch Lyotard und Maturana können wir einen philosophisch-gesellschaftlichen und einen wissenschaftlich-psychologischen Zugang zu Aliute Mecys finden.
Samstag, 17. August 2024
Marina Jarre: Weit entfernte Väter
Verlagsinfo: Das kleine Mädchen Marina lügt gern und mit poetischer Hingabe. Ein Akt rebellischer Selbstbehauptung gegenüber einer Welt, in der es die strengen Regeln der Mutter gibt, um deren Liebe sie ringt, aber auch den glutäugigen Vater, der erst mittags aufsteht und sich an keinerlei Regeln zu halten scheint. Einer Welt, in der sie getauft und trotzdem jüdisch sein soll – wie ihr russischer Großvater, den die Mutter verachtet.
Marina Jarre erzählt von der Kindheit im multikulturellen Riga der 1930er Jahre. Vom jähen Bruch, als sie nach der Trennung der Eltern zu ihren Großeltern ins faschistische Italien kommt. Von der Aneignung einer neuen Sprache, in der sie zu ihrer Stimme und ihrer Wut findet, in der sie mit ihren Kindern spricht und sich von der Tochterrolle befreit, von der Wandlung der kleinen Lügnerin zur großen, wahrhaftigen Schriftstellerin.
Marina Jarre (1925-2016) wurde in Riga als Tochter eines lettisch-russisch-jüdischen Vaters und einer waldensisch-italienischen Mutter geboren. Sie verbrachte ihre Kindheit in Lettland, bis sich ihre Eltern 1935 trennten und sie zu ihren Großeltern mütterlicherseits zog, die in einer französischsprachigen Waldenser-Gemeinde südwestlich von Turin lebten. Jarre gilt als eine der wichtigsten Stimmen der italienischen Literatur der Moderne. Mit Weit entfernte Väter kann diese außergewöhnliche Schriftstellerin endlich auch auf Deutsch entdeckt werden.
Mittwoch, 31. Juli 2024
Abraham Sutzkever: Vierkantige Lettern
Verlagsinfo: Der jiddische Poet Abraham Sutzkever (1913–2010) gehört zu den
bedeutendsten Lyrikern des 20. Jahrhunderts. Nicht sein Schicksal ist
einmalig, sondern seine Fähigkeit, den Gang durch die Hölle lyrisch
beschreiben zu können.
Sutzkever, in Litauen geboren, verlebte seine Kindheit in Sibirien, zog
nach dem Tod des Vaters zurück nach Wilna, galt unter den jiddischen
Schriftstellern als Einzelgänger. Er erlebte den mörderischen Überfall
der Deutschen, Ghettoisierung und Holocaust. Ihm gelang die Flucht in
die Wälder, sagte als jüdischer Zeuge in Nürnberg aus, emigrierte nach
Israel, war Herausgeber der bedeutendsten Zeitschrift für jiddische
Literatur: Di goldene kejt.
Manches im Jiddischen klingt süß, manches pathetisch. Sutzkevers ernst
empfängliche Natur widersteht dem Pathos durch Zartheit und Phantasie.
Seine Gedichte, ob sie von Liebe, Tod, Verfolgung oder vom
existenziellen Drama handeln, sind geschrieben mit dem »blanken,
flehenden Messer«. Der Poet berührt den offenen Nerv der deutschen
Geschichte: Verfolgung und Widerstand, Grausamkeit und das Wunder der
Rettung. Obwohl ihn die Erfahrung des menschengemachten Grauens für
immer prägte, war Sutzkever nie nur der ›Dichter des Holocaust‹, sondern
ein Poet der conditio humana, ein schreibender Hiob und Schöpfer einer
unverwechselbar eigenen, phantasievollen Bildsprache.
Freitag, 7. Juni 2024
Marius Marcinkevičius: Als die gelben Blätter fielen
Verlagsinfo:
Eine feinfühlige Geschichte über Hoffnung und Freundschaft in Zeiten des Nationalsozialismus.
Alon isst gern Bagels, die es aber leider viel zu selten gibt. Er spielt Geige und sitzt mit seiner Freundin Riwka auf dem Dach ihres Hauses, lässt seinen Drachen steigen und schaut über die Stadt. Aber das Leben ist schwierig, denn es ist das Jahr 1943, und Alon und Riwka wohnen im Getto und tragen einen gelben Stern. Niemand darf das Getto verlassen. Und wer doch durch das Tor hinausgeht, kehrt nicht zurück.
Zart und ergreifend erzählt Marius Marcinkeviçius von zwei Kindern, die die Schrecken des Holocausts erleben. Sie werden getrennt, aber finden sich Jahrzehnte später wieder, dank eines Kieselsteins, der zum Symbol für ihre Stärke und das Überleben wird.
„Als die gelben Blätter fielen“ ist in Litauen bereits mehrfach
ausgezeichnet. Kein Wunder: Autor Marius Marcinkeviçius und
Illustratorin Inga Dagile schaffen es, auf einfühlsame Weise eine tief
bewegende Geschichte über Hoffnung und Freundschaft zu Zeiten des
Holocausts zu erzählen. Das besondere Bilderbuch ist für Kinder ein
guter Einstieg zu dem Thema Nationalsozialismus. Es richtet sich an
junge Leser*innen zwischen 8 und 11 Jahren, ist aber eine wichtige
Lektüre für alle Menschen – unabhängig vom Alter.
Mittwoch, 5. Juni 2024
Edward Anders: Unter Letten während des Holocaust
Verlagsinfo:
Edward Anders (*1926) wird als Eduards Alperovičs in der Hafenstadt Libau (auf Lettisch: Liepāja) geboren. Seine Eltern sind jüdisch und bürgerlich, Anders‘ Muttersprache ist Deutsch. Mit dem Einmarsch der Roten Armee in das unabhängige Lettland im Sommer 1940 beginnt der Terror. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 wird der Vater wie 24 Familienangehörige Opfer des Holocaust. 1944 gelingt Eduards und der Mutter die Flucht in das Deutsche Reich. Nach 1945 studiert er Chemie in München. 1949 wandert er in die USA aus und wird einer der weltweit bedeutendsten Meteoritenexperten. Seit seiner Emeritierung forscht Anders zum Holocaust in Lettland.
Dienstag, 4. Juni 2024
Bianca Schaalburg: Der Duft der Kiefern
Verlagsinfo:
In Der Duft der Kiefern taucht die Berliner Autorin in ihre
Kindheit ein und stößt dabei auf Verdrängung und Lügen. Was hat ihr
Großvater Heinrich, angeblich als Buchhalter bei der
Wehrmacht in Riga stationiert, von den Gräueltaten der Nazis
gewusst? War er vielleicht selbst beteiligt? Bald stellt sich die Frage
nach der Mitschuld ihrer Familie. Sie erfährt, dass diese in
einem Haus lebte, das ehemals von jüdischen Mitbürgern bewohnt
war. Hat die Familie von der Vertreibung profitiert oder war sie gar
dafür verantwortlich? Bianca Schaalburg
recherchiert die Ereignisse und stellt die Frage nach Schuld und Verantwortung einer ganz normalen deutschen Familie.
Wir folgen ihrer detektivischen Spurensuche durch die Nazizeit, die
Nachkriegsjahre bis zu den Stasi-Akten des Kalten Krieges und ins Jahr
1968, wo sich alles ändern sollte ...
Mittwoch, 29. Mai 2024
Alexander Juraschke: Otto "Schloime" Fischer
Ein jüdischer Fußballstar aus Wien. Verlag Hentrich&Hentrich, Leipzig 2024. 120 Seiten, ISBN 978-3-95565-650-8, 15,00 €.
Verlagsinfo:
„Der Kuckuck soll dich holen, mit Donner und Pistolen, wenn Du
vergißt, wer dein Onkel Otto ist. Zur Erinnerung von deinem Onkel Otto
Fischer.“
Diese Zeilen schrieb der berühmte österreichische Fußballstar
und Nationalspieler Otto Fischer im Jahr 1932 in das Poesiealbum seiner
Nichte Alice Tichy. Vielleicht ahnte er bereits, dass die Erinnerung an
ihn verblassen würde. In der Zwischenkriegszeit gehörte Fischer zur
ersten Generation Wiener Profifußballer und trug sieben Mal das
österreichische Nationaltrikot. Als begnadeter Dribbler wurde er auf den
Wiener Fußballplätzen gefeiert, als Jude aber auch Ziel antisemitischer
Angriffe. Fischer repräsentierte die Wiener (Fußball-)Schule und
arbeitete nach seiner aktiven Karriere als Trainer in Osteuropa. Im
lettischen Liepāja fand er sein sportliches und privates Glück,
heiratete und führte den dortigen Verein Olimpija Liepāja zu drei
Meistertiteln. 1941 wurde der populäre Coach von den Nationalsozialisten
ermordet. Nach seinem Tod geriet Otto Fischer völlig in Vergessenheit.
Diese Monografie schildert erstmalig sein Leben und Wirken als ein Stück
Wiener Kulturgeschichte im Spannungsfeld zwischen jüdischer
Partizipation und Antisemitismus am Vorabend des Holocaust.
Sonntag, 26. Mai 2024
Anja Jonuleit: Kaiserwald
Verlagsinfo: Eine Suche. Eine Liebe. Ein Verbrechen.
»Deine Mutter ist verschwunden.« Eine Abfolge von Gefühlen zog über sein Gesicht: Ungläubigkeit, Entsetzen und schließlich diese Angst, die nun in der Welt war wie ein Geist, den man aus der Flasche gelassen hat.
Riga, Ostern 1998. Rebecca Maywald verschwindet spurlos. Sie hinterlässt eine achtjährige Tochter. Viele Jahre später setzt ein anonymer Brief Ereignisse in Gang, die das Leben zweier Familien für immer verändern sollen.
Berlin, 2023. Mathilda, Ex-Gebirgsjägerin, provoziert einen Autounfall, um mit Falk von Prokhoff, dem Sohn einer angesehenen Diplomatenfamilie, in Kontakt zu kommen. Der Grund bleibt zunächst unklar. Womit sie nicht gerechnet hat: Dass sie sich in ihn verliebt. Ein gefährliches Spiel um falsche Identitäten, unentdeckte Verbrechen und dubiose Machenschaften der Familienstiftung »Drei Linden« beginnt …
Donnerstag, 23. Mai 2024
David Geringas: Sag das niemandem
Verlagsinfo:
David Geringas gehört zu den bedeutendsten Cellisten der Welt. Als
Uraufführungsinterpret wichtiger Werke von Sofia Gubaidulina, Ernst
Krenek oder Anatolijus Šenderovas hat er Musikgeschichte geschrieben.
Als einflussreicher Pädagoge versorgte er fast alle deutschen
Spitzenorchester mit Solocellisten. Von sich selbst sagt er, er sei
dreimal geboren worden: 1946 durch seine Mutter in Vilnius, 1963 durch
den Unterricht beim Jahrhundertcellisten Mstislaw Rostropowitsch in
Moskau und 1975 durch die Emigration aus der Sowjetunion in den Westen.
Dem Musikpublizisten Jan Brachmann hat Geringas sein Leben erzählt: was
seiner jüdischen Familie in Litauen widerfuhr; wie Rostropowitsch
unterrichtete und sich für den Dissidenten Alexander Solschenizyn
einsetzte; wie er selbst vom Geheimdienst in der Sowjetunion bespitzelt
wurde; welche Fragen die Emigration aufwarf; wie Herbert von Karajan mit
den Berliner Philharmonikern arbeitete; aber auch, wie Geringas selbst
mit großen Komponisten wie Henri Dutilleux, Krzysztof Penderecki oder
György Ligeti deren Werke einstudierte. Entstanden ist dabei ein
lebendiges Dokument zur Zeitgeschichte, das zugleich tiefe Einblicke in
die Kunst des Cellospiels gewährt.
Dienstag, 21. Mai 2024
Tom Ots: Der Kussbrunnen
Verlagsinfo:
Darf ein russisches Mädchen einen estnischen Jungen küssen? Dies ist
eine wahre Familiengeschichte, so real wie tausend andere Familiendramen
der kleinen baltischen Völker. Sie spielt in den 1950er-Jahren, als
Estland Teil der UdSSR war. Den äußeren Rahmen bildet der Kuss zwischen
einem russischen Mädchen und einem estnischen Jungen. Zur Lösung der
Frage, ob ein solcher Kuss denn erlaubt sei, kommen die Verwandten des
Jungen zu Wort: Lebende und Tote, die die Mutter des Jungen, eine
begnadete Geschichtenerzählerin, in ihren Geschichten auferstehen lässt.
Ihre Schicksale, die dadurch geprägt waren, dass das kleine Volk der
Esten zwischen den beiden großen Mächten Deutschland und Sowjetunion
aufgerieben wurde, werden uns lebendig vor Augen geführt.
Der Held
der Geschichte erfährt, dass Völker nur friedlich miteinander leben
können, wenn die Menschen aufeinander zugehen, wenn sie zwar niemals
vergessen, aber verzeihen können. So geht es in dieser Erzählung um die
Vermeidung von Gewalt und Krieg und letztlich um Liebe zwischen den
Völkern.
Mittwoch, 1. Mai 2024
Lina Simutytė: Das Stadtfest
Verlagsinfo:
Mažeikiai – eine kleine Stadt in Litauen – ist Schauplatz dieser
magischen Geschichten über das Aufwachsen und Erwachsenwerden. Ob ein
Großbrand, sexuelle Erfahrungen, Suche nach dem Lebenssinn, immer
entfaltet die Autorin ein Feuerwerk an Farbe, Atmosphäre, Emotionen,
treffen Hollywood, Pop- und Konsumkultur aufeinander. Mit scharfer Feder
legt sie die Schichten des Alltags und der menschlichen Psyche frei.
Der Erzählband „Das Stadtfest“ ist voller Fabulierlust und Fantasie und Lina Simutytės literarisches Debüt.
Dienstag, 30. April 2024
Ieva Toleikytė: Roter glatter Raum
Verlagsinfo:
Toleikytės Poesie erkundet die Beziehung des Menschen zu anderen Lebewesen und der Natur. Das lyrische Subjekt erkundet die Welt, indem es gierig Metaphern erschafft und das ästhetisiert, was gewöhnlich Ekel herovrruft: Schnecken, Würmer, Müll, faule Gewässer. Dabi verbindet die Autorin auf spannende Weise ihre Weltsicht mit aktuellen Themen wie Umweltverschmutzung, Klimaerwärmung, Fleischkonsum und ökologischer Verantwortung. Ihr breiter kultureller Horizont erschließt unerwartete Perspektiven und Raum für freie Interpretationen.
Donnerstag, 21. März 2024
Mart Kivastik: Barbarus
Verlagsinfo:
Johannes Vares ist in den 1930er Jahren – der Zeit der ersten estnischen Unabhängigkeit – Arzt und Lokalpolitiker. Unter dem Namen “Barbarus” ist er auch Schriftsteller. Seine Frau nennt ihn “Jungchen”; er heißt sie “Pieps” – Kosenamen aus besseren Zeiten.
Er lernt einen Russen kennen, der ihm bei Übersetzung seiner Gedichtbände riesige Auflagen in Aussicht stellt. Der Gedanke fasziniert Barbarus.
Dann kommt die Sowjetisierung, das Ende der Unabhängigkeit. Bevor sie den Präsidenten Konstantin Päts absetzen und verschleppen können, brauchen die Russen eine Marionette als Ministerpräsidenten: Johannes Vares, Barbarus. Dass er nur Spielfigur ist merkt er, als er für die Befreiung eines inhaftierten Dichterfreundes nichts bewirken kann. Wird die Ehe mit Pieps die Wandlung vom liberal-progressiven Schöngeist zum Erfüllungsgehilfen der Sowjets überstehen? Wird die Marionette überleben?
Dienstag, 19. März 2024
Rūta Eidukevičienė, Hans Thill (Hrsg): Lied vom Spaziergang
Übersetzt von Rūta Eidukevičienė, Dalia Lorenz, Sigita Barniškienė. Nachdichtungen von Uwe Kolbe, Dagmara Kraus, Thomas Kunst, Marcus Roloff, Lara Rüter und Sonja vom Brocke. ISBN: 978-3-88423-709-0, 26,00 EUR.
Verlagsinfo:
Dass Litauisch eine der ältesten Sprachen Europas ist – der
zeitgenössischen Lyrik des baltischen Landes ist das nicht anzumerken.
Die Sammlung vereint Gedichte, die sich im Gespräch mit der Gegenwart
wissen. Aufregend neu – von namhaften Lyrikern ins heutige Deutsch
gebracht. Hier versteht sich Nachdichtung als kreative Arbeit am
lebenden Gedicht.
Für Birutė Grašytė-Black ist »Kindheit« ein krasser Schreckensort.
Vaiva Grainytė weiß, dass »der Tsunami kein Vegetarier« ist und »jedes
Tier seinen Strichcode« besitzt. In seinem Gedicht »So weit das Feuer
reicht« zeigt sich Donatas Petrošius kühn und angriffslustig. Tautvyda
Marcinkevičiūtė schreibt ihren »Brief an Sylvia Plath«, während Nerijus
Cibulskas wissen möchte, »wer kämmt (…) die widerspenstigen Haare des
Cellos?«, dekretiert Simonas Bernotas: »wenn man Pech im Leben hat, ist
man glücklich nach dem Tod«.
Donnerstag, 14. März 2024
Rimantas Kmita: Remyga
Verlagsinfo:
Litauen Ende der Achtzigerjahre. Nachdem er in der sowjetischen Armee in
Afghanistan gedient hat, kehrt Remyga in seine Heimatstadt Šiauliai
zurück. Er möchte ein normales Leben führen – ein guter Ehemann und
Vater, ein pflichtbewusster Polizist sein. Doch die Schatten der
Vergangenheit und das Chaos um ihn herum werden immer dichter und
dunkler, und die finsteren Mächte gewinnen immer mehr an Einfluss. Er
wird von seinen Albträumen heimgesucht und trifft in seiner Heimatstadt
auf die Liebe, die sein Leben jedoch nur noch mehr durcheinanderbringt.
Wie kann man in einer solch chaotischen Gesellschaft die Grenze zwischen
Gut und Böse ziehen? Wie kann man sich selbst und anderen gegenüber
ehrlich bleiben? Wie kann man seine inneren Dämonen kontrollieren? Was
ist der Preis der Unabhängigkeit – politisch und persönlich?
Litauen
erlangt seine Unabhängigkeit zurück, doch das Böse ist noch immer in den
Menschen verankert. Remyga riskiert seine Liebe, seinen Sohn und sein
Leben, um dieses zu vertreiben.
Freitag, 8. März 2024
Tauno Vahter: Die 11 Fluchten des Madis Jefferson
Verlagsinfo:
Madis Jefferson hält es an keinem Ort, schon gar nicht unter Zwang: Mit Witz und Tempo berichtet Tauno Vahter von einem, der nur auf der Flucht zu Hause ist.
Vahters packendem Schelmenroman liegt die unglaubliche Lebensgeschichte von Johannes Lapmann alias Madis Jefferson zugrunde, der Anfang des 20. Jahrhunderts in einem Dorf an der Küste Estlands geboren wird. Bereits mit acht Jahren wird Madis in Stockholm aufgegriffen und zu seiner entsetzten Mutter heimgebracht: Er hatte sich als blinder Passagier auf einem Schiff nach Schweden versteckt, weil er mehr von der Welt sehen wollte. Das bleibt nicht die letzte Eskapade des Vagabunden, weitere spektakuläre Fluchtversuche werden folgen und Madis bis in die USA führen – ihm allerdings auch Gefangenschaft in sowjetischen Lagern einbringen. Dieses Buch ist ein hinreißender und tragikomischer Roman über Freiheit und die Frage, wie weit Gesellschaften gehen, um die Freiheitsliebenden zu unterdrücken.
Tauno Vahter - geboren 1978 in Tallinn, lebt in Estland als Verleger, Lektor, Übersetzer (aus dem Finnischen und Englischen) und Schriftsteller. Für seinen Debütroman „Die 11 Fluchten des Madis Jefferson“ erhielt er den renommierten Eduard-Vilde-Preis. In seiner Freizeit ist er aktiv im Quiz-Sport und belegte 2012 mit seinem Team den ersten Platz der European Quizzing Championships.
Donnerstag, 29. Februar 2024
Christofer Hermann (Hg.): Burgen in Livland
Verlagsinfo:
Das Handbuch „Burgen in Livland“ ist eine aktuelle Synthese zur historischen Wehrarchitektur im heutigen Estland und Lettland. Darin wird eine Übersicht zu den mittelalterlichen Wehrbauten dieser Region an der nordöstlichen Grenze des westeuropäischen Kulturbereichs gegeben. Die Autoren gehen den Fragen nach der Genese, Entwicklung und Einbindung der dortigen Baukunst in den europäischen Kontext nach. Der zeitliche Schwerpunkt der Darstellung liegt zwischen dem späten 12. und der Mitte des 16. Jahrhunderts. Das Handbuch gliedert sich in drei Hauptabschnitte: Historische Einführung, Entwicklung und Merkmale der Burgenarchitektur, Katalogteil mit der Beschreibung von 110 Burgen. Der Band ist mit aktuellen Fotos, historischen Ansichten und Plänen reich illustriert.
Mittwoch, 24. Januar 2024
Rita König: Greta
Verlagsinfo:
Was passiert, wenn man einen Lebensabschnitt auslöscht?
Nach achtzig Jahren beschließt Greta, noch einmal ihr Kindheitshaus zu sehen. Die Reise über Polen nach Lettland wird für sie nicht nur körperlich anstrengend – vor allem kämpft sie mit den Erinnerungen, die sie verdrängte, verdrängen musste.
Zur gleichen Zeit fliegt Marita nach Lettland, um ihren Geliebten zu suchen. Sie findet Greta und begleitet sie. Greta könnte ihre Großmutter sein – aber ist sie deshalb klüger? Zu Hause in Lettland, wie sie behauptet, mit einer Kindheitsliebe und den Dainas als Trost?
Zwischen traumatischen Erinnerungen und dem Johannisfest breitet sich ein Leben aus, das neun Jahrzehnte umfasst und Greta die Entscheidung abverlangt, wohin sie gehört.
Rita König (*1962) ist diplomierte Betriebswirtin und lebt in Potsdam. Für ihre literarische Arbeit erhielt sie zahlreiche Aufenthaltsstipendien, wie zum Beispiel im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf. Bisher veröffentlichte sie ihre Erzählungen in Literaturzeitschriften und Anthologien.
Samstag, 20. Januar 2024
Lote Vilma Vītiņa: Der kleine Dichter und der Duft
Verlagsinfo:
Es war einmal ein kleiner Dichter, der vor einem großen, leeren Blatt Papier saß und dem so gar nichts einfiel, worüber er schreiben könnte. Doch auf einmal kam durch das offene Fenster eine Wolke herein und sie brachte einen Duft mit, der ihm direkt in die Nase flog! Den Duft von Sommerregen. Der Dichter folgte dem Duft und er kam in die Stadt und den Park – und überall duftete es nach anderen schönen und nicht so schönen Dingen. Und plötzlich wusste er auch wieder, worüber er schreiben konnte …
Ein bezauberndes Kinderbuch über die Düfte in der Natur und der Stadt mit kleinen Gedichten und fantasievollen Bildern, die dazu anregen, die Umgebung bewusst und mit allen Sinnen wahrzunehmen. Und im kunterbunten Vorsatzpapier ist sogar eine duftende Erdbeere versteckt!
LOTE VILMA VĪTIŅA (geb. 1993) lebt in Riga und ist eine lettische Illustratorin, Comiczeichnerin und Lyrikerin. Sie hat an der Lettischen Kunstakademie Malerei studiert und an verschiedenen Ausstellungen und Residenzen in Lettland und im Ausland teilgenommen. Ihre Zeichnungen sind lebendig und gefühlvoll, leicht und spontan. Lote Vilma Vītiņa zeichnet mit der Hand und mit Tusche, oft mit Aquarellfarben. Ihre Illustrationen und Comics wurden von „Liels un mazs“, „kuš!“, „KUTIKUTI“, „Popper“ und anderen veröffentlicht. Ihr Lyrikdebüt meitene (dt. Das Mädchen) wurde 2020 mit dem Goldenen Apfel ausgezeichnet, dem wichtigsten Buchpreis für Buchkunst in Lettland. Für ihr 2021 erschienes Buch Ūdenstornis(dt. Der Wasserturm) erhielt sie den Lettischen Literaturpreis 2022. Die Originalausgabe des Kinderbuches „Der kleine Dichter und der Duft“ erschien im Verlag Aminori in Riga und wurde 2019 mit dem Goldenen Apfel sowie für seine Illustrationen 2020 mit dem Kinder- und Jugendbuchpreis Jānis Baltvilks ausgezeichnet.
https://lotevilma.com/
LIL REIF (geb. 1975 in Dresden) studierte Russisch, Portugiesisch und Jura in Berlin, Moskau und Évora und wurde mit einer Arbeit im Bereich Soziolinguistik promoviert. Während eines dreijährigen Aufenthalts an der Fakultät für Translationswissenschaften der Hochschule Ventspils lernte sie Lettisch und organisierte mit dem Internationalen Schriftsteller- und Übersetzerhaus und der Stadtbibliothek Werkstätten zum Literaturübersetzen. Sie lebt in Wien, wo sie neben ihrer Arbeit als Expertin für Europäische Forschungsförderung Literatur aus dem Lettischen übersetzt. 2018 erhielt sie für die Übersetzung eines Auszugs aus dem Roman „Der Geschmack von Blei“ von Maris Berzinš den Übersetzerpreis der Stadt Wien.
Samstag, 2. Dezember 2023
Aušra Kaziliūnaitė: Feiertags Makeup
Verlagsinfo:
Aušra Kaziliūnaitė ist eine Stimme der neuen Generation der
litauischen Lyrik. Sie verbindet Visualität, Präzision der Form und eine
philosophische Perspektive, um das Wesen der Dinge und Phänomene zu
hinterfragen.
ich ging hinaus
ich ging hinaus ins freie
mitten in meinem zimmer
dort sind leere straßen
alle überholen einander
eine bucklige alte
schleppt mit letzter kraft ihren sack
randvoll gefüllt mit frühling
Freitag, 3. November 2023
Linda Grant: Die trotzige Schönheit der Welt
Verlagsinfo: Mina Mendel geht zum Pilzesammeln in den Wald und trifft dort einen hübschen jungen Bolschewiken, der eine Revolution plant. Wir schreiben das Jahr 1913 in Lettland. Sie ahnt nicht, dass diese zufällige Begegnung sie über das Meer und in eine neue Welt führen wird – sie bricht nach Amerika auf und landet in Liverpool. Auch dort nimmt ihr Schicksal unerwartete Wendungen: Ihr Bruder kämpft im Ersten Weltkrieg und rettet einem Mann das Leben, den sie später heiratet; sie bekommt eine Tochter, die wie eine Prinzessin aus dem Hause Windsor zu sprechen lernt und versucht, ihre Herkunft hinter sich zu lassen ... Minas Begegnung im Wald, durch die alles begann, wird zum Mythos, immer wieder neu erfunden, bis sie ein Eigenleben entwickelt.
Linda Grant erzählt von einer Frau, die lernt, für sich einzustehen, und ihrem Leben, das ein ganzes Jahrhundert umspannt: vom Rigaer Hafenviertel über Liverpool bis ins London der Nachkriegszeit. Ein Roman über das Aufbrechen und Ankommen, über die Suche nach Glück und nicht zuletzt über Erinnerung und die Geschichten, die unser Leben bestimmen. Ein warmes, lebendiges Familienepos voller Charme und Witz, mit dem man die große Linda Grant endlich auch auf Deutsch entdecken kann.
Die Originalausgabe erschien 2023 unter dem Titel «The Story of the Forest» bei Virago Press, London
Mittwoch, 1. November 2023
Signe Viška / Elīna Brasliņa: Kati will Großvater werden
Verlagsinfo: Kati weiß, was sie werden will: Großvater. Davon lässt sie sich auch
nicht abbringen, als die andern sie belächeln. Kati eignet sich an, was
zu einem Großvater gehört: große Hände zum Akkordeon spielen oder
Streichhölzer und Bonbons für die Jackentasche. Sie schafft es auch, so
viel Zeit wie Großvater zu haben. Nur – wie bekommt sie weißes
Wolkenhaar? Kurzerhand klebt sich Kati Watte in die Mütze. Und schon
bald sitzen die zwei Großväter zusammen am Tisch und machen
Großvaterdinge: zum Beispiel Milchtrinken.
Signe Viška (*1997) ist Autorin und Übersetzerin. Sie lebt in Riga. Die deutsche Textfassung stammt von der Autorin.
Die Originalausgabe des Buches erschien unter dem Titel "Kate, kas gribēja kļūt par vectēvu" bei "Liels un mazs", Riga 2021.
Donnerstag, 26. Oktober 2023
Mir war, als ob es klopfte
Verlagsinfo:
Die Anthologie Mir war, als ob es klopfte stellt zwölf Dichter:innen aus Lettland mit jeweils fünf Gedichten vor. „Mit dem Buch wollen wir vor allem eines: neugierig machen auf mehr. Denn die Lyrikproduktion in Lettland ist von der Quantität ebenso wie von der Qualität her schlichtweg beeindruckend. Lesen Sie Lyrik aus Lettland! Unsere Anthologie können Sie auch gerne wie einen Reiseführer verwenden, um sich ausgehend davon selbst auf Entdeckungsreise in die Welt der lettischen Lyrik zu begeben!“ (Aus dem Nachwort).
Übersetzt und herausgegeben wurde die Anthologie von Astrid Nischkauer und Kalle Aldis Laar. Mit Texten von Anna Auziņa, Anna Belkovska, Krista Anna Belševica, Madara Gruntmane, Valentīns Lukaševičs, Anita Mileika, Artis Ostups, Inga Pizāne, Ligija Purinaša, Agnese Rutkēviča, Māris Salējs und Toms Treibergs.
Mittwoch, 25. Oktober 2023
Melanie Frank: Sprache im Spannungsfeld von Nation und Demokratie
Verlagsinfo: Ausgangspunkt der Arbeit ist die Frage nach dem Verhältnis von Demokratie und Nationalismus in der Sprachenpolitik seit Zusammenbruch der Sowjetunion. In diesem Politikfeld wurden wichtige Schlüsselentscheidungen der postsowjetischen Transformation getroffen, die den Umgang mit den russischsprachigen Minderheiten in den jungen Staaten betrafen. Die Bedeutung der Sprachenpolitik für die politische Transformation wird zunächst anhand vier Länder mit großen russischsprachigen Minderheiten – Estland, Lettland, Moldau und Ukraine – herausgearbeitet. Im Anschluss wird in einer Tiefenanalyse des lettischen Falls geprüft, ob Kriterien für eine Vereinbarkeit von Nationalismus und Demokratisierung in Lettlands Sprachenpolitik seit Wiedererlangung der Unabhängigkeit gegeben waren. Auf Grundlage der Auswertung eines umfangreichen Korpus originalsprachlicher Primärquellen wurden die politischen Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse im Feld der Sprachenpolitik herausgearbeitet und analysiert. Melanie Frank zeigt auf, inwiefern die Kriterien für eine Vereinbarkeit von Demokratisierung und Nationalismus nicht erfüllt wurden und in der lettischen Sprachenpolitik demokratische Anforderungen hinter den Zielen einer nationalisierenden Politik zurückstanden. Die Arbeit schließt mit einer Einordnung der Ergebnisse vor dem Hintergrund zweier Ereignisse, die in Verbindung mit der Sprachensituation und einem geringen Vertrauen der Bevölkerung in die politischen Institutionen eine besondere Herausforderung für die lettische Demokratie darstellten: die Corona-Pandemie, die im März des Jahres 2020 Lettland erreichte, und der russische Angriff auf die Ukraine am 24. Februar des Jahres 2022.
Samstag, 21. Oktober 2023
Anete Melece: Der stibitzte Schlaf
Verlagsinfo:
Wer hat bloß Stellas Schlaf stibitzt? Als Stella auch nach neun Büchern noch nicht müde ist, machen sie, Paps, die Detektive Nilpferd und Flamingo, deren treuer Gefährte Bobby und all die anderen Bewohner des Kinderzimmers sich auf die Suche …
Es ist viel einfacher einzuschlafen, wenn man vorher noch ein Buch liest. Das weiß jeder, auch Stella und ihr Paps. Aber Stella ist nach neun Büchern noch immer kein bisschen müde! Bei der Hotline des Schlaflieferservice behaupten sie, sie hätten Stellas Schlaf schon längst geliefert. Hat ihn etwa jemand gestohlen? Die beiden Detektive Nilpferd und Flamingo und deren treuer Gefährte Bobby nehmen sofort die Ermittlungen auf. Wo sie den Schlaf schließlich finden, wird hier nicht verraten.
Anete Melece erzählt mit Witz, Charme und Leichtigkeit in ihrem unverwechselbar kraftvollen Stil davon, wie schwierig es manchmal ist, in den Schlaf zu finden – ein Problem, das allen Kindern und Eltern rund um den Erdball wohlbekannt sein dürfte. Mit diesem Buch ist der Schlaf dann ganz schnell da und beschert die buntesten, süßesten Träume.
Sonntag, 15. Oktober 2023
Anti Selart, Mati Laur: Dorpat / Tartu
Verlagsinfo: Als Bischofssitz gegründet, durch den Hansehandel mit Russland reich geworden, dank der Landesuniversität als „Embach-Athen“ gerühmt, sowjetisches Sperrgebiet: Dieses Buch führt seine Leserinnen und Leser durch die spannende und wechselhafte Geschichte der in Estland gelegenen Europäischen Kulturhauptstadt 2024. Weit im Nordosten, nahe der russischen Grenze, scheint Dorpat/Tartu in Estland eine abgeschiedene Provinzstadt am Rande Europas zu sein. Dabei ist die Stadt am Embach/Emajōgi seit ihrer Gründung auf viele Weisen europäisch vernetzt: Zunächst als Bischofssitz im mittelalterlichen Livland (heute: Estland und Lettland) in die Strukturen der römischen Kirche. Als Hansestadt kontrollierte sie mit Riga und Reval/Tallinn den Handel zwischen Russland und dem übrigen Europa. Und seit der Neugründung der Universität 1802 waren ihre Absolventen weit über die Grenzen des russländischen Kaiserreichs gefragte Experten. Doch blieb Dorpat nicht allein Ausbildungsort der deutschbaltischen Eliten, sondern wurde zu einem Kristallisationspunkt der estnischen Nationalbewegung. Die wechselhafte Geschichte des „wohl besten Wohnorts in der Welt“ (Mati Laur), von Aufbau, Zerstörung und Wiederaufbau, schildern die Autoren mit wissenschaftlicher Expertise und estnischem Humor.
Montag, 11. September 2023
Andrus Kivirähk: November
Verlagsinfo:
»November« nimmt uns mit in ein namenloses Dorf in Estland, in eine Zeit, als die Esten den Deutsch-Balten als Leibeigene dienten, und zwar mit einer gehörigen Portion Bauernschläue und Zynismus. Die Bediensteten im Herrenhaus klauen alles, was nicht niet- und nagelfest ist und treiben damit regen Handel …
Veiko Tammjärvs Graphic Novel, basierend auf dem gleichnamigen Kultroman des estnischen Autors Andrus Kivirähk, vermischt Absurdes und Groteskes mit einem einzigartigen Humor und strotzt vor übersinnlichen Elementen, gespickt mit estnischer Folklore und Mythologie. Da gibt es etwa die Geister der Toten, die zu Allerseelen an den Familientisch geladen werden, den Teufel, den man beschwören kann und die Pest, die in mannigfaltiger Gestalt ihr Unwesen treibt. Und nicht zu vergessen sind die aus allen möglichen Haushaltsgegenständen gefertigten ›Kratts‹, die den Esten bei ihren Machenschaften gegen die Obrigkeit helfen.
Samstag, 26. August 2023
Laura Vinogradova: Wie ich lernte, den Fluss zu lieben
Verlagsinfo: Als ihr Vater stirbt, flieht Rute aufs Land. Weg vor ihren Liebsten, vor
der Stadt, vor sich selbst. Schier unerträglich ist die Leere, die sie
in sich spürt. Und der Schmerz, der sie seit Jahren begleitet. Rutes
Mutter sitzt im Gefängnis, die Schwester ist verschwunden, ihren Vater
hatte sie nie kennengelernt. Und doch ist da etwas, das sie sanft und
fordernd zurück ins Leben holt …
Wie viel Leid kann ein Mensch
ertragen? Laura Vinogradovas Romandebüt erzählt von einem Leben, das von
Sehnsucht geprägt ist. Und von einem einsamen Haus weit draußen am
Fluss.
Zur Autorin: Laura Vinogradova, geboren 1984, stammt aus Lettland und schreibt Bücher für Kinder und Erwachsene. Sie studierte Betriebswirtschaft an der Technischen Universität Riga und fing mit 30 Jahren mit dem Schreiben an. Ihr erstes Buch »Baby Langnase aus dem Langnasendorf« (»Snīpulītis no Snīpuļciema«), eine Geschichte für Kinder, erschien 2017. Es folgten zwei Sammlungen von Kurzgeschichten – »Ausatmen« (»Izelpas«) und »Bärenhügel« (»Lāču kalns«). 2019 veröffentlichte sie das zweibändige Kinderbuch »Geschichten aus dem Wald (»Mežpasakas«). »Wie ich lernte, den Fluss zu lieben« (»Upe«) ist ihr erster Roman. Die Novelle stand auf der Shortlist für den jährlichen Lettischen Literaturpreis und wurde 2021 mit dem Europäischen Literaturpreis ausgezeichnet. Zuletzt erschien das Kinderbuch »Vater und Hund« (»Tētis un suns«). Laura Vinogradova lebt in Riga und arbeitet dort im Museum für Literatur und Musik. Derzeit schreibt sie an ihrem zweiten Roman.
Freitag, 4. August 2023
Odeta Rudling: Von der nationalen Form zum nationalen Inhalt
Verlagsinfo:
Odeta Rudling analysiert in Von der nationalen Form zum nationalen Inhalt die Ausformung der sowjetischen Folklorepolitik, die zwischen 1940 und 1990 zur Übertragung und partiellen Übernahme des sowjetischen Modells in der litauischen SSR führte. Mit dem Fokus auf lokale Akteure und deren Rolle in diesem Prozess veranschaulicht sie sowohl die Techniken der Eliten als auch die inhaltliche Transformation der Volkskunst, die sich einerseits auf der Mikroebene des staatlichen Volksmusikensembles, andererseits auf der Makroebene der staatlichen Massenkultur manifestierte.
Im Zentrum des Buchs steht die Frage danach, wie die Sowjetisierungsbestrebungen im Bereich der Folklorepolitik umgesetzt wurden und in welchem Verhältnis sie zur litauischen Nationsbildung standen. Vor dem Hintergrund der Forschung zur sowjetischen Nationalitätenpolitik demonstriert die Autorin, wie und weshalb die kulturpolitischen Maßnahmen zur Kontinuität der Neo-korenizacija beitrugen und damit auch der litauischen Nationsbildung mittels Sowjetisierung Vorschub leisteten. Die Stimulierung der nationalen Identität wird hier anhand zweier zentraler Erzählstränge aufgezeigt, mit der staatlichen folkloristischen Politik auf der einen und einer antimodernistischen ethnonationalistischen Bewegung auf der anderen Seite, die, obwohl sie sich getrennt voneinander entwickelten, im Spätsozialismus interagieren mussten und schließlich in den späten 1980er Jahren zur treibenden Kraft der „Singenden Revolution“ wurden.
Donnerstag, 1. Juni 2023
Urmas Vadi: Der Ballettmeister
Roman, aus dem Estnischen von Cornelius Hasselblatt. Rote Katze Verlag, Lübeck 2023. 300 Seiten, ISBN 978-3-9824732-5-3, 24 Euro.
Verlagsinfo: Estland 1940. Erst seit 22 Jahren ist der kleine Staat an der Ostseeküste unabhängig, da beenden die Sowjets die Freiheit brutal und verleiben sich das Land wieder ein. Der Präsident Konstantin Päts wird ins Innere Russlands verschleppt. Estnische Patrioten wollen das nicht hinnehmen und entsenden ein paar junge Männer, um den Präsidenten zu befreien. Getarnt als Ballettgruppe machen sie sich auf die weite Reise. Unter der Führung des „Ballettmeisters“, eines Feuerwehrmannes ohne Tanzkenntnisse, machen sie als Ballett Furore – aber erreichen sie ihr Ziel?
Freitag, 12. Mai 2023
Heike Mallad: Tage in Tallinn
Verlagsinfo: Wer in Tallinn weilt, kommt um den Domberg oder den Rathausplatz nicht herum. Doch Tallinn bietet mehr als nur die üblichen Klischees einer bezaubernden Altstadtroman-tik. Das ganz normale Leben, Menschen und Menschliches gibt es nämlich auch. Und genau diese Mischung spiegelt sich im literarischen Stadtführer von Heike Mallad wider: Er führt mit seinen sehr persönlichen, tagebuchähnlichen Ge-schichten durch eine faszinierende Stadt. Und dennoch gelingt es, den etwas anderen Blick hinter die manchmal überlaufenen Kulissen zu werfen. Tallinn wird so zu einem außergewöhnlichen und sehr individuellen Erlebnis. Anekdoten, witzige Details und scheinbare Nebensäch-lichkeiten machen Lust statt Touristenfrust, öffnen die Augen für die wahre Schönheit eine außergewöhnlichen Stadt und machen den Weg frei – für ganz besondere Tage in Tallinn.
Samstag, 1. April 2023
Ina Pukelytė: Die Frolleins von der Freiheitsallee
Roman, aus dem Litauischen von Markus Roduner. 256 Seiten, ISBN 978-3-96311-704-6, Mitteldeutscher Verlag, Halle / Saale 2023.
Verlagsinfo:
Der Sonnenuntergang am Vorabend des Zweiten Weltkrieges.
Zwei Frauen, zwei Träume, zwei Schicksale
Lebendige Sprache und Dialoge mit jiddischen und polnischen Einsprengseln
Eine Liebeserklärung an die alte Hauptstadt Litauens
»Dieser Roman ist eine Hommage an die Generation meiner
Großeltern, die nach zwei Weltkriegen ihre tragischen Geschichten
aufgrund seelischer Traumata und politischer Verfolgung nicht richtig an
ihre Enkelkinder weitergeben konnten.« Ina Pukelytė
Kaunas,
das kleine Paris Litauens, in den 30ern. Die Stadt erlebt ihre
Blütezeit. Ebenso wie die beiden jungen Frauen Zosia und Rachel aus der
Freiheitsallee. Zosia ist Buchhändlerin und träumt vom großen
Familienglück. Rachel ist Schauspielerin mit atemberaubenden
Karriereplänen und darf im Jüdischen Theater von Kaunas auftreten.
Keine von ihnen ahnt, wie kurzlebig ihr Glück sein wird und dass ihnen
schließlich ihre Herkunft zum Verhängnis wird. Wie schnell wird der
dunkle Schatten des Krieges alles in der alten Hauptstadt Litauens
verändern, und was müssen die beiden Frauen alles ertragen?
Die
Lebensgeschichten von Zosia und Rachel, die einander schließlich
begegnen, vermitteln ein eindrückliches Bild des Lebens in Kaunas
zwischen 1932 und dem Zweiten Weltkrieg. Ein mitreißender und
bewegender, preisgekrönter historischer Roman über zwei unerwartet
miteinander verflochtene Frauenschicksale und eine Stadt, die sowohl ein
Goldenes Zeitalter als auch den Zusammenbruch aller Hoffnung erlebte.
Freitag, 31. März 2023
Klaus Grammel: Fischele
Eine Liebe im Getto von Wilna. 148 Seiten, Verlag Hentrich & Hentrich, Leipzig 2023. ISBN 978-3-95565-591-4, 22,00 €.
Verlagsinfo:
Er gab ihr seine Jacke, spätabends am 6. September 1941, in einem zugigen, von verzweifelten Menschen vollgestopften Treppenhaus im Getto von Wilna. Alex, der Lisa bis dahin noch nie gesehen hatte, tat dies, obwohl er nur noch an sich selbst denken wollte. Welch‘ eine ungeheure Kraft diese kleine Geste für sie beide in sich barg, ist ihnen äußerlich nicht anzumerken. Sie veränderte sein Leben wie auch ihres. Noch Jahrzehnte später, als er im Sterben lag, dachte er an dieses vermeintlich unbedeutende Erlebnis zurück.
So begann die Liebe zweier junger Menschen in einer grausamen, durch und durch lebensfeindlichen Welt. Als Juden waren sie von den Nationalsozialisten dazu bestimmt worden, ermordet zu werden. Welchen Sinn macht die Liebe in der Hölle?
Alex hat diese, seine wahre Geschichte Klaus Grammel erzählt und ihm das Versprechen abgenommen, sie niederzuschreiben.
Mit einem Geleitwort von Rabbiner Andreas Nachama
Freitag, 24. März 2023
Boris Lurie in Riga
Bewegende Erinnerungen Luries an seine Zeit während des Nationalsozialismus in Riga – wie lässt es sich mit dem Erlebten weiterleben?
Im Spätsommer des Jahres 1975 bestieg Boris Lurie in New York ein sowjetisches Schiff, um nach Riga zu fahren und damit nach über 30 Jahren wieder in die Stadt zu kommen, in der er aufgewachsen war und wo er die Schrecken der deutschen Besatzungszeit hautnah miterleben musste. Insbesondere ein Geschehnis änderte dabei den Lauf seines Leben, als im Dezember 1941 im Wald von Rumbula Tausende Juden hingerichtet wurden, darunter Familienmitglieder Luries sowie seine damalige Freundin. Luries Leben teilte sich in ein vor und ein nach Rumbula, und sein Besuch dieses Ortes während seiner Reise führte auch dazu, dass er mit dem Schreiben begann und darüber in den Dialog mit denjenigen, die nicht mehr da waren.
Nach Luries Tod entdeckte man in seinem Nachlass mehrere Boxen, gefüllt mit schriftlichen Aufzeichnungen und Zeitungsausschnitten. Aus Riga zurückgekommen, hatte Lurie damit begonnen, seine Erinnerungen an Riga während des Zweiten Weltkriegs niederzuschreiben, aber auch die Empfindungen während seiner Reise festzuhalten. Ein berührender Text, der die Frage aufwirft, wie man danach weiterleben kann.
Mittwoch, 1. Februar 2023
Wolfgang Petz: Zuflucht auf Zeit
Ein Glücksfall für die Nachwelt ist, dass der litauische Fotograf Kazys Daugėla den Alltag dieser Menschen einfühlsam dokumentierte. Seine Bilder berichten vom Leben in Massenquartieren, von der Unterbringung in Dachkammern, von Winterkälte und dem Mangel an Nahrungsmitteln. Trotz dieser schwierigen äußeren Bedingungen entfalteten die Litauer ein bemerkenswertes kulturelles Leben, organisierten Gottesdienste, Schulunterricht, Sportveranstaltungen, Konzerte und Theateraufführungen.
In einer Zeit, in der materielle Not, Diktatur und Krieg wieder Millionen Menschen heimatlos machen, gewinnen Kazys Daugėlas Aufnahmen an aktueller Bedeutung.
Freitag, 20. Januar 2023
Richard Zelenka: Vertraute Fremde
Verlagsinfo:
Es ist eine ziemlich wundersame Geschichte, die in diesem Büchlein
erzählt wird. Und die geht so: Ein reicher Modeunternehmer mit großem
Herz schenkt einem kleinen Dorf im Norden Lettlands ein modernes
Krankenhaus. Was für eine Sensation! Das muss groß in der Zeitung
stehen. Dafür soll der zuständige Lokalredakteur sorgen. Mit gemischten
Gefühlen tritt Richard Zelenka die Dienstreise ins Ungewisse an. Sie
führt ihn bis an den Rand der Zivilisation.
Fremd und vertraut - wie
passt das zusammen? Diese Begriffe schließen sich scheinbar aus. Und
doch: Fremdes wird vertraut, wenn man bereit ist, sich auf Neues und
Ungewohntes einzulassen. Die Annäherung ist zuweilen ein langer und
zäher Prozess. Die Mühe lohnt sich. Meistens.
Wenn's gelingt, wird
das Leben reicher. Der Titel dieses Büchleins "Vertraute Fremde" ist
Programm. Er beschreibt das ganz persönliche und subjektive Herantasten
des Autors an Lettland, das kleine baltische Land im Norden Europas:
"Mein Lettland".
Aus dem Abenteuer wird eine Passion. Immer wieder
reist Richard Zelenka ins Baltikum. Er trifft viele Menschen dort und
berichtet über ihre Mentalität, ihr Denken und ihren Humor, der so
anders ist als unser. Allmählich werden aus Fremden Freunde, im
Idealfall sogar beste Freunde.
Lustige und skurrile Geschichten aus
dem lettischen Alltag werden dem Leser in diesem Büchlein erzählt.
Nebenbei erfährt er einiges aus der lettischen Geschichte, Kultur und
Politik.
Mit
Präposition: aus, mit, von
Freitag, 13. Januar 2023
Mathias Niendorf: Geschichte Litauens
Regionen, Reiche, Republiken 1009–2009. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2022. ISBN: 978-3-447-10822-5, 566 Seiten, 49,00 Eur[D] / 50,40 Eur[A].
Verlagsinfo:
2009 beging die Republik Litauen ihre Tausendjahrfeier. Wer sich in
Deutschland über historische Hintergründe informieren wollte, war
bislang auf wenige, überwiegend veraltete Werke angewiesen. Diese Lücke
wird nun von Mathias Niendorfs neuer Gesamtdarstellung geschlossen. Auf
Basis des aktuellen Forschungsstands bietet sie einen Überblick vom
Mittelalter bis in die jüngste Vergangenheit. Quellennah und anschaulich
zeichnet Niendorf den Aufstieg eines heidnischen Landes zu einem
mittelalterlichen Großreich nach, schildert die Folgen einer immer enger
werdenden Anlehnung an Polen und analysiert den sozialen und
kulturellen Wandel im Zarenreich. Besondere Aufmerksamkeit gilt der
ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Teil dieser häufig dramatischen
Geschichte ist die Erlangung staatlicher Unabhängigkeit nach dem Ersten
Weltkrieg, ihr Verlust als Folge des Hitler-Stalin Pakts und nicht
zuletzt die Ermordung von Litauens Juden unter deutscher Besatzung. Bis
in die Zeiten der Republik bzw. Sowjetrepublik wird den
Handlungsspielräumen vor Ort nachgegangen. Fragen des Zusammenlebens von
Litauern und Polen, Juden, Russen und Weißrussen gehören zu den
Schwerpunkten der Darstellung. So wird der Blick „von oben“ mit einem
Blick „von unten“ konfrontiert. Das Interesse gilt nicht nur politischen
Eliten und gesellschaftlichen Strukturen, sondern ebenso konkreten
Lebenswelten, Hütten und Palästen, Straßen und Plätzen. Exemplarische
Biografien illustrieren das Schicksal eines Landes, seine
Traditionslinien und seine Brüche.
Donnerstag, 12. Januar 2023
Andris Kuprišs: Berlin
Kurzgeschichten. Aus dem Lettischen von Bettina Bergmann. Ammian Verlag, Berlin 2022. ISBN 978-3-948052-59-1, 20.00 Euro.
Verlagsinfo:
Das Berlin, in dem der Autor mit seinem wütenden Doppelgänger
herumläuft, ist kein geografischer Ort. Es ist eine ganze Welt – von den
staubigen Straßen in Agenskalns bis zu den seelenlosen Autobahnen
Deutschlands, von der Krankenstation bis zur Eckkneipe. 22 Texte und
eine Novelle versammelt der Band Berlin: alltägliche Begebenheiten, Begegnungen und Beobachtungen.
Andris Kuprišs, geboren 1982, ist Autor und Übersetzer. Er studierte
Journalismus an Latvijas Universitate in Riga und Fotografie an der
Goldsmiths University in London. 2019 erschien in Lettland seine erste
Kurzgeschichtensammlung „Berlin“. Seine Essays und Prosatexte erscheinen
in diversen Literaturmagazinen, u. a. Satori und Rigas Laiks.
Samstag, 3. Dezember 2022
Maria Bosse-Sporleder: Im Kielwasser der Zeit
ISBN: 978-3-938871-22-5, 18 Euro.
Verlagsinfo:
Die Texte in Im Kielwasser der Zeit − überwiegend
Kurzgeschichten − gliedern sich in zwei Sektionen: „Herkunft“ und
„Begegnung“. In „Herkunft“ ist der Blick auf Estland gerichtet, das
Land, in dem die Autorin geboren wurde, das sie als Kind verlassen
musste und in das sie nach 1991 zurückkehrte und in verschiedenen
Aufgaben tätig war. „Herkunft“ thematisiert Familienvergangenheit,
rekonstruiert und imaginiert Lebensläufe der Vorfahren. Die politische
und gesellschaftliche Entwicklung unter kurzer deutscher und sehr langer
sowjetischer Besatzungszeit durchdringt das Erzählte. „Begegnung“ fängt
Momente ein, in denen intensiver Kontakt zwischen Menschen entsteht; es
wird deutlich, wie sich Begegnungsweisen in den vergangenen 60 Jahren
verändert haben.
Dienstag, 29. November 2022
Laurynas Katkus: Schwankende Schatten
Der junge Philologe Vytautas, auf der Suche nach seinem Platz in der wissenschaftlichen Welt, verliert seinen Job als Dozent. Sein größter Lichtblick sind die Briefe eines baltendeutschen Abenteurers vom Anfang des 20. Jahrhunderts, in dessen Geschichten er sich spiegelt. Auf der Suche nach Glück durchstreift er seine Stadt Vilnius und macht sich wie viele seiner Generation als Saisonarbeiter mit Freunden auf den Weg nach Deutschland.
Schwankende Schatten, das erste Prosawerk des litauischen Dichters und Essayisten Laurynas Katkus, ist eine subtile Geschichte über die Macht unbändiger Fantasie und die Suche nach Sinn in einer scheinbar unendlich freien Welt.
Montag, 28. November 2022
Jens U. Boettcher: Das Treffen
Verlagsinfo: April 1939. Ein junger lettischer Hobbyfotograf wird an der Ostsee bei Riga von einem älteren Unbekannten angesprochen, der sich an seiner Architekturfotografie interessiert zeigt. Bei einem zweiten Treffen am folgenden Tag bittet der elegant gekleidete Unbekannte den jungen Mann um Unterstützung bei der Beschaffung eines geeigneten Orts für ein höchst geheimes Treffen zweier hochrangiger ausländischer Delegationen. Als der Jüngere Hilfsbereitschaft signalisiert, wird er vom Älteren auch gleich zur Betreuung der als sehr klein angekündigten Delegationen engagiert.
Nach dem Krieg lässt Stalin, der um jeden Preis verhindern will, dass das Treffen bekannt wird, nach dem Mann suchen. Im März 1953 wird er endlich in Riga geschnappt.
Zehn Jahre nach seinem Tod findet sein Sohn, ein ausgeprägt national gesinnter deutscher Geschichtsprofessor, die Unterlagen über das Treffen. Er erkennt darin sofort das noch fehlende Puzzlestück, das endlich Klarheit darüber verschafft, wie Hitler und Stalin wirklich zueinander standen, warum der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt in so atemberaubend kurzer Zeit zustande kommen konnte, warum Stalin nach dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion im Juni 1941 zuerst an ein Kommunikationsfoul seiner Generäle glaubte, und welche Rolle dabei ausgerechnet ein deutscher Schulatlas spielte. Darüber hinaus entdeckt er die wahre Identität des Vaters und muss zudem erkennen, dass auch er nicht der ist, für den er sich sein Leben lang gehalten hat. Er veröffentlicht die Aufzeichnungen und landet einen Sachbuch-Bestseller.
Der unvermeidlichen zweiten Auflage fügt er noch einiges hinzu - über seine Mutter zum einen, zum anderen aber darüber, wie in den Medien zuweilen mit der Geschichte umgegangen wird.